Islamisches Recht: Grundtermini zur Unterscheidung von Sachverhalten

Bevor wir uns weiter mit dem ThemaʿIbādat (gottesdienstliche Handlungen) beschäftigen, ist es nötig ein paar Grundtermini des Islamischen Rechts besser kennen zu lernen. Die Einteilung die wir hier machen stellt weitestgehend die Einteilung der Dinge nach der hanefitischen Rechtsschule dar. Sie ist nicht abschließend, sondern soll vor allem die Grundbegriffe für ein besseres Verständnis für die Unterscheidung und Bewertung von Sachverhalten liefern. Bitte beachtet, dass es manche Unterscheidungen, die wir hier machen, in anderen Rechtsschulen so nicht gibt. Sie sind trotzdem Grundlage für unsere Arbeit hier, weil sie eine genauere Unterscheidung ermöglichen.

Mukallaf – Verantwortlichkeit nach Islamischem Recht

Die Juristen sprechen immer von geschäftsfähiger Person, wenn sie vom Mukallaf sprechen. Damit ist aber vor allem gemeint, dass eine Person für seine Handlungen und Taten Verantwortung trägt. Er ist sich dieser Verantwortung auch bewusst. Er ist mündig.

Im Islam können wir zusammenfassen, dass der Mukallaf Jemand ist der die Pubertät erreicht oder hinter sich hat und bei Verstand ist. Der Mukallaf trägt Verantwortung. Er muss die Regeln seiner Religion befolgen und sich von den Verboten fern halten.

Menschen die geistig Behindert sind und nur eine niedrige Intelligenz haben, sowie Kinder, die die Pubertät noch nicht erlebt haben, sind islamisch gesehen nicht mündig. Sie müssen für ihre Handlungen keine Strafe fürchten, weil sie eben auch keine Verantwortung tragen.

In aller Regel wird angenommen, dass Jungen zwischen 12 und 15 Jahren in die Pubertät kommen, während Mädchen zwischen 9 und 15 Jahren in die Pubertät kommen. Auch wenn man bei einem Jungen oder Mädchen keine Anzeichen für den Eintritt der Pubertät und damit einhergehend eine Veränderung in der Auffassungsgabe und am Körper feststellen kann, so gelten spätestens mit 15 Jahren sowohl Jungen als auch Mädchen als mündig.

Ab dem Zeitpunkt der Reife, also der Pubertät, ist man für seine Handlungen und für seine Taten verantwortlich.

Fardh – Die Pflichten

Dinge, die islamisch gesehen eine Pflicht darstellen, werden als fardh bezeichnet. Zu diesen Pflichten gehören beispielsweise das Gebet, das Fasten und die Abgabe der Zakat.

fardh wird in zwei Kategorien eingeteilt:

fardh ayn

Diese Pflichten müssen von allen Mukallaf verrichtet werden, beispielsweise so wie das Gebet.

fardh kifaye

Diese Pflichten müssen nicht von allen Mukallaf verrichtet werden. Dieser Umstand mag sich zwar zunächst verwirrend anhören, aber es ist beispielsweise eine Pflicht, dass das Toten-Gebet für einen verstorbenen Menschen verrichtet wird. Dadurch dass einige Muslime, die anwesend sind am Ort des Toten, und das Gebet verrichten, wird die Pflicht erfüllt, aber andere Muslime, die nicht vor Ort waren, werden von der Pflicht entbunden.

In die selbe Kategorie kann man die Hadsch stecken. Sie ist eine Pflicht für alle Mukallaf. Aber wer dazu weder körperlich noch finanziell in der Lage ist, ist von dieser Pflicht ausgenommen.

Wadschib – verbindlich

Es ist sehr kompliziert. Normalerweise wird unter fardh und wadschib das gleiche Verstanden, nämlich eine Pflicht. Allerdings gibt es kleinere Unterschiede bei unserer Unterscheidung. Wadschib, also verbindlich ist nicht so eindeutig pflicht wie fardh, aber immer noch verpflichtend. Es gibt bei Dingen die wadschib sind, immer einen klaren Beweis (dalil) für ihre Verbindlichkeit. Zu den Dingen, die man so bewerten müsste, gehört zweifelsohne das Fest-Gebet, die Abgabe der Sadaqatul Fitr (10 € in diesem Jahr) oder das Schächten eines Opfertieres zum Eid ul Adha (Opferfest). Auch das Witr-Gebet, im Anschluss an das Nacht-Gebet wird als wadschib angesehen.

Wer die verbindlichen Dinge tut, der gewinnt an Belohnung. Wer sie die verbindlichen Dinge nicht tut, der versündigt sich.

Sunnah – Tradition

Unter Sunnah verstehen wir in diesem Bereich nicht die klassische Überlieferung über die Taten, Handlungen und Aussprüche des geliebten Propheten Muhammad (saw), sondern vor allem seine freiwilligen Gottesdienste. Da der Prophet (saw) ein Vorbild für die Muslime ist, sollte man seinem Vorbild folgen und auch diese freiwilligen Gottesdienste verrichten.

Die Sunnah wird in zwei Kategorien eingeteilt:

Sunnah Muakkada

Diese freiwilligen Gottesdienste wurden vom Propheten (saw) regelmäßig verrichtet. Dazu zählen beispielsweise die Sunnah-Einheiten des Morgen-, Mittag- und Abend- Gebets.

Sunnah Gayri Muakkada

Dies meint freiwillige Gottesdienste, die vom Propheten (saw) unregelmäßig verrichtet wurden. Dazu zählen beispielsweise die Sunnah-Einheiten des Nachmittags-Gebets und die erste Sunnah-Einheit des Nacht-Gebets.

Wer die Sunnah befolgt gewinnt an zusätzlichem Lohn. Gleichzeitig kann er sich auch auf die Fürsprache des Propheten Muhammad (saw) am Tag des jüngsten Gerichts freuen. Wer die Sunnah absichtlich und wissentlich nicht befolgt und achtet, der versündigt sich.

Mustahab – Empfohlen

Dinge, die unser Prophet (saw) mal getan, mal nicht getan hat, werden als mustahab bezeichnet. Wer die Dinge tut, die empfohlen sind, gewinnt an zusätzlichem Lohn. Wer sie nicht tut, versündigt sich nicht.

Mubah – religiös neutral

Dinge, die einem Mukallaf frei stehen, werden als Mubah bezeichnet. Dazu zählen zum Beispiel solche Dinge wie das Sitzen, Gehen und Schlafen. Wer die Dinge, die als religiös neutral betrachtet werden, tut oder nicht versündigt sich genauso wenig, wie er auch keinen Lohn dafür erhält.

Haram – Verboten

Dinge, die in unserer Religion eindeutig als Verboten einzustufen sind, werden als haram bezeichnet. Beispielsweise das Töten eines Menschen, Stehlen, Alkohol trinken, Glücksspiele zu spielen, Schweinefleisch zu essen oder sich gegen die Eltern aufzulehnen, sind religiös betrachtet verbotene Dinge.

Wer Dinge tut, die islamisch gesehen verboten sind, versündigt sich. Wer sich allerdings aus Furcht vor einer Bestrafung durch Allah von den verbotenen Dingen fernhält, erhält Belohnung. Wer das religiöse Verbot von etwas verleugnet, dass eindeutig verboten (haram) ist, der kann aus dem Islam austreten (also zum Apostaten werden).

Makruh – verpönt

Dinge, die als Makruh bezeichnet werden, gelten als verpönt. Es ist nicht so, dass sie eindeutig haram, also verboten sind, aber dennoch ein Verzicht besser ist.

makruh wird in zwei Kategorien eingeteilt:

Karahat-i Tahrimiyya

Dies meint Dinge, die verpönt sind, die aber sehr stark an haram grenzen. Beispiel hierfür wäre, dass Jemand eine wadschib, also verbindliche Sache, nicht erfüllt. Wer sich vor solch einer verpönten Sache hütet, der gewinnt an Belohnung. Wer diese verpönte Sache dennoch tut, versündigt sich.

Karahat-i Tanzihiyya

Dies meint die Dinge, die verpönt sind, die aber an halal grenzen. Beispiel hierfür wäre, dass Jemand eine Sunnah oder eine mustahab, also empfohlene Dinge, nicht erfüllt. Wer sich von solch einer verpönten Sache hütet, der gewinnt an Belohnung. Wer diese verpönte Sache dennoch tut, versündigt sich nicht unbedingt.

Mufsid – verderbend

Dies meint die Dinge, die einen begonnenen Gottesdienst (Ibadah) unterbrechen bzw. ungültig werden lassen. Beispielsweise beim Gebet zu sprechen oder beim Fasten wissentliche Essen und Trinken unterbrechen diese Gottesdienste und verderben sie. Wer absichtlich einen Gottesdienst unterbricht, versündigt sich.

Published by Akif Sahin

Akif Sahin - Autor, Blogger und Islam-Experte. inspiriert durch Vielfalt.

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