moschee

Muslim sein in Deutschland von Mouhanad Khorchide

Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) und Münsteraner Professor für Islamische Religionspädagogik, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, hat ein neues Buch veröffentlicht. Es heißt „Muslim sein in Deutschland“, besteht aus 172 Seiten und wurde von Ali Hamdan in ein einfaches Arabisch übersetzt. Damit ist allerdings alles Positive zum Buch auch schon gesagt. Tatsächlich fragte sich der Autor dieser Zeilen, wieso er überhaupt das Geld für das neueste Werk ausgegeben hat. Es gab weder etwas Interessantes zu lesen, noch den Hauch einer echten „Theologie der Barmherzigkeit“, wie man sie aus der dreier-Publikation von Khorchide zum Thema noch kannte.

Khorchides Buch ist ein Sammelsurium und eine Zusammenfassung aus bestehenden und bekannten Thesen. Einem neuen Leser dürften die Worte allerdings nicht so verständlich werden, weil sie gar nicht in der Länge ausgeführt wurden, wie nötig. Da sind Missverständnisse wohl unvermeidlich. In der Kürze (172 Seiten, Hälfte ist auf Arabisch) schafft es der Autor kaum die Dinge richtig unterzubringen, noch tiefgründig in die Materie einzusteigen. Das Buch beschreibt, wenn überhaupt wirklich, nur sehr oberflächlich das „muslimische“ Leben in Deutschland. Es bietet auch keine Lösungen zu aktuellen Fragestellungen, die mit dem Dasein der Muslime in der heutigen „Diaspora“ bzw. „Heimat“ zu tun haben. Es sind kleinere Anrisse vorhanden, die das eine oder andere Thema behandeln, doch es bleibt zu kurz und ist nicht zielführend. Einen deutschen Islam entwickelt Khorchide nicht; ihm geht es eher um die Vereinbarkeit mit der Rechtsordnung und Thesen dafür, dass dies grundsätzlich möglich ist.

Streitbare und strittige Ansichten

Das Buch bleibt im Groben und Ganzen eine kurze und selbst ausgelegte Zusammenfassung der wichtigsten Grundsätze des Islam und des muslimischen Glaubens. Die Ausführungen des Autors sind einfach gehalten, aber wirken allesamt wie Zusammenfassungen von Wikipedia-Artikeln, früheren Büchern und Debattenbeiträgen in Zeitungen. In dem Buch findet sich an kaum einer Stelle auch nur ein Input, der für sich selbst stehen kann. Zweifelhaft bleiben auch einige politische wie theologische Positionen, die von Khorchide einfach postuliert werden.

So erklärt Khorchide alle Interpretationen, welche dem Barmherzigkeitsprinzip im Koran widersprechen, für nicht mit dem Koran oder dem Propheten vereinbar. (S. 22) Dies ist daher interessant, weil die Interpretation bestimmter Punkte im Koran selbst von vielen Experten heute als inhuman bzw. dem humanistischen Bild entgegengesetzt angesehen wird. (siehe Beitrag von Schmidt-Salomon) Nimmt man als einfaches Beispiel die Geschichte von der Verehrung des goldenen Kalbs durch das Volk Mose, dann ist die Bestrafung, die nach Angaben verschiedener Quellen (u.a. Ibn Kathir) mehrere tausend Opfer-Tode verlangte, durch Khorchide abzulehnen. Aber Gott hat diesen Frevlern nur durch den Opfertod bzw. Opfermord verziehen, was auch in der Bibel Erwähnung findet. (Kapitel 32, 2. Buch Mose) Es stellt sich hier die Frage, wie Barmherzigkeit aussieht. So plump, wie Khorchide es postuliert ist es eben nicht. Und das Prinzip der Barmherzigkeit kann eben nicht allein stehen, es müssen auch andere Prinzipien, wie Gerechtigkeit berücksichtigt werden.

Khorchide verwahrt sich auch gegen die Darstellung des Propheten als Kriegsfürsten bzw. Kriegsherren. Das der Prophet Muhammad (saw) aber sowohl Krieger als auch geistliches Oberhaupt war und damit beide Dinge vereinbar in einer Person hielt, ist bereits ein „Problem“, an dem viele Orientalisten gescheitert sind. Es bleibt für viele weiterhin unbegreiflich beide Seiten des Propheten Muhammad (saw) miteinander zu vereinbaren. Es bleibt eine sehr stark angreifbare Minderheitenposition, wenn man glaubt den Propheten Muhammad (saw) von seinen kriegerischen Handlungen, die sehr wohl nicht nur defensiver Natur waren, herauslösen, zu verleugnen oder kleinreden zu können. Die Antwort kann nicht lauten, dass man dies heute als „unislamisch“ betrachten muss, sondern das es sich durchaus lohnt, auch für die Freiheit und bestimmte Werte – im wahrsten Sinne des Wortes – zu kämpfen. Ein Verständnis von absolutem Pazifismus ist Muslimen weiterhin fremd und angesichts der Kriege auf der Welt schwer zu vermitteln.

Khorchide bleibt vage und die Thesen unvollständig

Die Darstellungen Khorchides bleiben auch im weiteren Verlauf sehr vage und oft unvollständig. Selten hat es mich betrübt ein Buch gekauft zu haben. Dazu zählt ganz eindeutig dieses Exemplar. In seinen früheren Werken hat sich Khorchide nicht nur mit Thesen hervorgetan, die unkonventionell und neu waren, sie waren zumindest auch überlegt und – mit abstrichen – gut argumentiert und ausgearbeitet. In diesem Buch scheint es nur ein Recycling von Thesen gegeben zu haben, neben ein paar einfachen Floskeln, die jeder gerne liest. So wie diese hier: „Um für ein differenziertes Bild über den Islam und die Muslime zu sorgen, müssen Muslime und Nichtmuslime stärker aufeinander zugehen, um nicht übereinander, sondern voller Respekt miteinander zu reden.“ (S. 16) Das ist ein schöner Satz aber nicht neu.

Wichtiger wäre es jedoch neben all diesen Punkten gewesen, hätte sich Khorchide den drängenden Fragen unserer Zeit, also den realen Problemen der Muslime in Deutschland gewidmet. Darauf geht er in seinem Buch so gut wie gar nicht ein. Auf den Seiten 146 – 172 hat Khorchide zwar ein paar Oberthemen, dies sind aber keine realen, sondern von Medien lancierten Probleme. Eine Antwort auf drängendere Fragen, wie beispielsweise das muslimische Leben organisiert sein sollte, welche strukturellen wie theologischen Probleme wir in diesem Land haben, fehlt aus dieser Sicht gänzlich. Die kurzen Antworten auf die verschiedenen Themen haben zudem vielleicht den Effekt, dass Personen, die nicht mit den Themen vertraut sind ein falsches Bild vermittelt bekommen. Vielleicht hilft diese Kritik, wenn der Autor zurück in die Spur findet. Natürlich gibt es keine einfachen Antworten, es darf aber auch keine einfachen Bücher geben. Das Khorchide das kann, hat er schon mindestens einmal bewiesen. Man kann nur hoffen, dass für die künftige Islam-Debatte in Deutschland neue und überlegtere Bücher folgen und auch die Verlagshäuser sich genau überlegen, ob es sich lohnt Werke zu publizieren, die dem Ansehen und Ruf des Autors eher schädigen können, als es zu stärken.

Titel: Muslim sein in Deutschland
Autor: Mouhanad Khorchide
ISBN: 978-3-451-37598-9
Verlag: Herder
Link: https://www.herder.de/leben-shop/muslim-sein-in-deutschland-kartonierte-ausgabe/c-28/p-6708/