Schmerzen

Schmerzen

Die Visite kam vorbei und schaute mich etwas betrübt an. Ich wusste schon, was jetzt kommen würde: „Leider gab es ein paar Komplikationen. Anscheinend hat man bei der ersten OP nicht alles optimal gemacht. Wir mussten mehr entfernen, als eigentlich geplant. Die Heilungschancen sind aber unverändert und sehr gut. Sie werden nur stärkere Schmerzen haben, als sie bisher hatten.“ Ich bekam im Krankenhaus die doppelte Ration an Schmerzmitteln verabreicht als bisher. Wenn ich in Verzug war, machte mich die Schwester darauf aufmerksam. Ich widersprach kaum. Diesmal waren die Schmerzen wirklich unerträglich.

Am Tag nach der OP wurden mir zwei zusätzliche Tabletten auf den Tisch gelegt. Ich schaute mir den Namen an: Oxicodon. Ein Opiat. Macht schnell süchtig, wirkt dafür ungemein gut. Die Schwester sagte noch: „Eine für die Nacht und eine für den Morgen.“ Ich winkte ab. Werde ich bestimmt nicht brauchen. Die beiden Tabletten mit Metamizol zu vier verschiedenen Tageszeiten sollten schon reichen. Am Nachmittag rappelte ich mich auf und wollte das Zimmer für einen ersten Spaziergang verlassen. Die Schwester kam mir aber erneut dazwischen: „Wo wollen sie denn die Spritze hin haben? In den Hintern oder doch lieber ins Bein?“ Es war eine schmerzhafte Erfahrung. Die erste Thrombose-Spritze tut immer weh. Der Spaziergang fiel erstmal aus.

Der NFL-Thursday hatte gerade erst angefangen. Ich konnte mich aber vor Schmerzen kaum auf das Spiel konzentrieren. Sollte ich doch eine dieser Oxicodon-Dinger schlucken? Ich zögerte. Opiate sind Gift. Aber wenn es nicht weitergeht? Die Tür zum Patientenzimmer wurde langsam aufgeschoben, es schimmerte ein bisschen Licht hinein. Die Nachtschwester schaute sich um und dann mich an: „Sie sind noch wach?“ – Ich erkläre ihr, dass ich American Football schaue. Sie fragte, ob ich Schmerzen habe. Ich bejahte. Sie nahm ein Glas und bot mir das Oxicodon an. Ich schluckte diesmal bereitwillig. Nach 10 Minuten amüsierte ich mich über das Spiel. Die Schmerzen waren weg. Nach dem Spiel war ich weggedöst. Tief und fest im Traumland umherschwebend.

Im Auto konnte ich nicht sitzen. Dennoch, die Fahrt musste sein. Es kam mir vor, wie eine Ewigkeit. Die Schmerzen drückten mir aufs Gemüt. Keine Lust zu reden, keine Lust irgendwelchen Fragen zu beantworten. Zuhause angekommen schmiss ich mich ins Bett. Die Medikamente waren neben mir. Ich schluckte noch mal zwei Metamizol und hoffte, dass die Schmerzen bald vorbei gingen. Irgendwann bin ich eingenickt. Die Schmerzen weckten mich sechs Stunden später wieder auf. Kein Hunger, nur Schlafen und viel Wasser. Medikamente erneut einnehmen. Wenn es nicht besser wird, weitere Medikamente schlucken. Schlafen.

Das Wochenende verging schnell. Es ist plötzlich Dienstag. Die Schmerzen sind teilweise unerträglich. In der Nacht schmeiße ich alles rein, was ich habe, um wenigstens ein bisschen zu schlafen. Ich gehe duschen, ziehe mich an und mache mich auf den Weg. Der Bus hat Verspätung. Ich steige ein, setze mich ans Ende und hoffe, dass die Schmerzen nicht zu brutal werden. Bis zum Arztbesuch vergeht die Zeit schleppend. Es ist Stau auf dem Weg. Irgendwann glaube ich zu träumen. Ein Rentner mit seinem Rollator fährt auf der Fahrbahn. Ein schlechter Witz und der Busfahrer macht keine Anstalten ihn zu überholen. Nicht einmal ein Hupen. Irgendwann kommen wir doch an. Ich gehe langsam zum Arzthaus. Bin 15 Minuten zu spät. Kein Problem, ich muss weitere 15 Minuten warten, ehe ich endlich dran bin. Immerhin. Anderswo dauert es länger.

Alles sieht gut aus. Die Wunde heilt auch gut. Die Ärztin ist begeistert. Sie schreibt mir weitere Medikamente auf. Will mir auch Oxicodon geben. Ich verzichte. Die Medizin reicht schon. Sie wirkt ja auch. Ich steige wieder in den Bus. Der Ausstieg vor unserer Wohnung fällt mir schwer, aber alles ist gut. Fünf Minuten später liege ich im Wohnzimmer auf der Couch. Meine Frau hat mir einen Fenchel-Tee mit Anis und Kümmel gemacht. Die Konzentration ist da. Ich gehe zu meinem Schreibtisch. Texte fallen mir leicht. Ich schreibe. Auch, weil es mir gut tut. Vieles bleibt unveröffentlicht. Meine Tochter zieht mich aus dem Arbeits-Zimmer. Sie will sich mit mir Arlo und Spot anschauen. Wir machen es uns gemütlich. Kekse werden gegessen und das Kind freut sich, dass es neben dem Vater liegen darf.

Die zweite Runde des DFB-Pokals läuft. Schaue die Spiele an und recherchiere nebenbei. Am Donnerstag steht ein Bewerbungsgespräch an. Vielleicht passt die Stelle wirklich. Die Jobbeschreibung passte jedenfalls. Nun liegt es an mir. Ich muss noch zum Friseur. Der Bart und die Haare sind lang geworden. Ich sehe aus, wie ein Hippie. Der gute Eindruck ist entscheidend. Ich schaue auch nach Flugtickets. Meinem Großvater geht es nicht gut. Es gibt Wichtigeres als eigene Schmerzen. Familie.