taslimiyyat

Taslimiyyat

Meine Klassenlehrerin in der Grundschule sah mich erstaunt an. Ich hatte ihr gerade erklärt, dass die Erzählung von Abraham und seinem Sohn Ischmael, wie sie auch im alten Testament Erwähnung findet, fast genauso auch im Islam erzählt wird. Allerdings mit dem Unterschied, dass nach muslimischer Auffassung nicht Isaak sondern Ischmael geopfert werden sollte. Ich war noch in der Grundschule, aber die Geschichte von Ischmael nach muslimischer Auffassung war für mich sehr einprägsam gewesen. Während Abraham nicht wahrhaben wollte, seinen eigenen Sohn Gott Opfern zu müssen, schaute dieser seinem Vater in die Augen und zeigte Tawakkul. Gottvertrauen. Und gleichzeitig gab sich Ischmael seinem Schicksal und seiner Bestimmung hin. Wir nennen dies im türkischen teslimiyet, was auch aus dem gleichen Wortstamm kommt, wie das arabische Wort Islam. Es hat sich gemeinhin als Wort „Taslimiyyat“ verankert.

„Sich ergeben“. Mit dieser Hingabe beten die Menschen zu Gott. Muslime verrichten ihr Gebet, die „Salat“ voller Hingabe. Sie ergeben sich ihrem Schöpfer und sie zeigen ihm durch das Gebet ihre Liebe. Sich Allah ergeben. Ihm dienen, das Gebet für Ihn verrichten. Sich ergeben, in Liebe und Achtung. In Ehrfurcht vor Allah. Und auch in allen anderen gottesdienstlichen Handlungen muss eine Hingabe vorhanden sein. Wer sich Allah nicht ergibt und seinen Willen nicht anerkennt, der hat sich nicht den Namen Muslim verdient. Ein Muslim ist Jemand, der sich Allah hingibt – in allen Bereichen seines Lebens.

In diesen Tagen gedenkt die muslimische Welt einem der größten muslimischen Persönlichkeiten seiner Zeit. Die Geschehnisse um Kerbela sind ein wichtiger Punkt und Einschnitt im Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten. Hier ergab sich Imam Hussain (ra) seinem Schicksal und seiner Bestimmung. Er war aufgestanden, um gegen das Unrecht in den Krieg zu ziehen. Er befürchtete, wenn er nicht gegen das Unrecht auf dieser Welt in den Kampf zieht, dass es sonst kein anderer nach ihm tun wird. Er opferte nicht nur sein Leben und das Leben der wenigen Getreuen, die ihm in diesen Kampf gefolgt waren. Er opferte auch das Leben der Familie des Propheten. Ihr Tod war ein Sieg über die Obrigkeit und Dreistigkeit der Tyrannen. Taslimiyyat. Diese Hingabe hat uns alle geprägt. Kerbela ist überall. Imam Hussain (ra) ist auch unser Imam. Die Familie des Propheten (saw) ist auch unsere Familie.

Als ich im Krankenhaus lag schaute ich noch einmal auf mein Handy. Wollte ich so in den OP-Saal? Ohne den Menschen, die ich liebe, zu sagen, dass ich sie liebe? Ohne die Menschen, denen ich etwas schuldig geblieben war, um Verzeihung zu bitten? Ohne meinen Frieden mit all den Menschen zu machen, die mir am Herzen liegen? Ich betete zu Allah und in einem solchen Moment der Hingabe, in einem Moment wo ich meiner Sterblichkeit bewusst geworden war, kam mir nur noch ein Gedanke: „Mein Leben und meine Seele sind in Deiner Hand. Wenn ich sterbe, ist es Deine Bestimmung. Wenn ich lebe ist es Deine Bestimmung. Du bist der Mächtige, der Herrscher der Welten, der König am Tag der Auferstehung. Vergebe meinen Eltern, vergib mir für mein gestern, für mein heute und für mein morgen. Vergib mir meine Sünden. Lass mich Dir ergeben sein und als ein Dir ergebener sterben. Lass mich Dir ergeben sein und als ein Dir ergebener sterben.“

„Baba!“, schreit sie und hüpft hin und her auf ihrem Bett. Es ist aber Schlafenszeit und keine Spielzeit. Ich decke Sie zu und schaue ihr tief in die Augen. Sie weiß jetzt, was kommt. Sie spricht mir Wort für Wort nach: „Rabbi yassir. Wa la tu assir. Rabbi tammim bil khair.“ Ich küsse sie auf die Stirn und verlasse das kleine Zimmer. Nachdem die Tür zu ist, atme ich einmal tief durch. Alles ist vergänglich in diesem Leben. Man ist dankbar für die schönen Momente, gemeinsam mit der Familie. Voller Hingabe.