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Ägypten: Azhar als politisches Instrument

Wie weit darf sich eine Universität, die als eines der höchsten Autoritäten für den sunnitischen Islam auf der ganzen Welt angesehen wird, in politische Angelegenheiten einmischen? Der Sturz des Ex-Präsidenten Mohammed Mursi war auch eine Generalprobe dafür, ob die Al-Azhar Universität ihren eigenen Weg geht oder weiterhin als verlängerter Arm der Regierung fungiert, die gerade an der Macht ist. Doch die innere Diskussion zwischen Führung und Kollegium an der Universität lässt hoffen.

Ahmed Mohammad et-Tayyib war die zweite Person, die vor die Kameras trat und den Putsch Mohammed Mursis begründete und begrüßte. Er sagte damals, es sei die weniger schlimmere Lösung. Erneut hatte sich ein Direktor der renommierten Al-Azhar Universität hinter die Armeeführung gestellt und diese in ihrem Putsch gestärkt. Nach dem Tod des früheren Direktors der Al-Azhar Universität, Tantawi, hatte man eigentlich gehofft, dass die Zeiten, in denen eine muslimische Einrichtung und Universität sich von der Politik manipulieren und einnehmen lässt, vorbei sind.

Tantawi hatte teilweise Fatwas (Rechtsgutachten) im Sinne der Regierung Mubarak erlassen. Er war quasi der Hof-Gelehrte Mubaraks. Und nun tritt, aus der Sicht zahlreicher Menschen, in diese Rolle der jetzige Scheich der Azhar-Universität, Ahmed Mohammed et-Tayyib. Sein Auftritt war erneut ein Rückschritt; weg von einer freien Universität und Lehre, hin zu einer Hoflehre, die von der Armee und der Regierung diktiert wird.

Dieser Schritt wird allerdings nicht von allen Kollegen an der Universität geteilt. Es gibt harsche Kritik und gleich mehrere Bewegungen, die mitteilen: Die Position Et-Tayyibs ist nicht die der ganzen Azhar. Die Haltung Et-Tayyibs spiegele nur seine eigene Auffassung wieder und nicht die der Azhar.

Die Vorwürfe gegen Et-Tayyib wiegen dabei schwer. Einige Gruppierungen wie die “Front der Azhar-Gelehrten” werfen Et-Tayyib vor “Verrat” begangen zu haben. So sagt der Generalsekretär der Organisation der Azhar-Gelehrten, Yahya Ismail, dass eine militärische Intervention mit den islamischen Grundwerten als “illegal und nicht akzeptabel” anzusehen ist. Der militärische Putsch eines gewählten Vertreters sei islamisch gesehen nicht erlaubt.

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Vielfach wird betont, dass die Absetzung Mursis ein klarer Putsch gewesen ist. Einige Gelehrte der Azhar-Universität kritisieren diesen Aspekt, während andere auch darauf aufmerksam machen, dass das Militär versuche den Islam in Ägypten umzuformen und umzugestalten. Man werde solche Versuche des Militärs jedoch nicht akzeptieren und hinnehmen.

Viele Gelehrte bezeichnen den Sturz Mursis als einen besonders schweren Schlag gegen die Demokratie. Und Et-Tayyib wird selbst von seinem Stellvertreter Prof. Hassan asch-Schafi vorgeworfen sich instrumentalisieren haben zu lassen. Et-Tayyib sei ein Teil eines politischen Komplotts und einer Verschwörung.

Es gibt zwar auch Stimmen, die auf der Seite von Et-Tayyib stehen und ihn in Schutz nehmen, doch die Zahl der Kritiker ist enorm gewachsen und wächst. Sie wird nur meist nicht wahrgenommen. Angesichts einer einseitigen Berichterstattung im Westen und auch der Tatsache, dass die militärische Zensur in Ägypten wieder regiert. Et-Tayyib hat sich mit seinem Vorstoß jedoch auch selbst disqualifiziert. Er hatte bei den Aufständen gegen Mubarak noch davon gesprochen, dass es zu den Grundregeln des Islam gehöre dem Regenten zu gehorchen. Ein Präsident dürfe nicht gestürzt werden, war damals seine vertretene Meinung, die er auch angesichts der Proteste auf dem Tahrir-Platz verteidigte. Heute hat er eine andere Position inne.

Die Glaubwürdigkeit des Scheichs hat gelitten. Es bleibt aber die Frage, ob eine Universität sich überhaupt in dieser Form in die politischen Belange einmischen darf. Auch eine Erklärung pro Mursi wäre falsch gewesen. Die Azhar hätte sich, nach Ansicht vieler, neutral verhalten müssen. Es bleibt auch die Frage, ob Et-Tayyib auf Druck hin zu dieser Erklärung kam. Denn angesichts der Tatsache, dass auch Kopten und andere religiöse wie liberale Kräfte den Sturz Mursis mit dem Militär vor den Kameras präsentierten, bleiben vielfach Zweifel, ob wirklich alle Teilnehmer an einer solchen Lösung interessiert waren. Was wurde den Teilnehmern eigentlich versprochen? Und in welcher Form haben sie vom Sturz Mursis profitiert?

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