Journalismus: Redaktionen bestimmen was relevant ist

Eine oft häufig geäußerte Kritik, insbesondere von Minderheiten, ist, dass Medien nicht oder zumindest nicht ausreichend über ihre Positionen, Veranstaltungen, Meinungen und Probleme berichten. Vielfach wird den Medien eine gewisse Blindheit vorgeworfen. Das ist so nicht richtig, aber der Eindruck herrscht vor. Dies liegt vor allem an einem System, dass eigentlich durch die neuen Sozialen Medien aufgebrochen werden könnte, wenn sich die Betroffenen denn ihrer neuen Macht und Möglichkeiten bewusst wären.

Es geht dabei um die Frage, wer eigentlich bestimmt, was relevant ist. Vor dem Internet war diese Frage sehr einfach zu beantworten: Die Redaktion der Zeitung, des Fernsehens. Tatsächlich ist diese Praxis bis heute erhalten geblieben. Journalisten recherchieren, sie informieren und decken auf. Was es aber in die Hauptnachrichten im Fernsehen oder in die Zeitung schafft, wird nur von den Redaktionen entschieden. Die Macht darüber was erscheinen darf und was nicht, liegt einzig bei ihnen.

Meinungsvielfalt durch Blogs

Das führt mitunter auch zu Fehlern. Es ist eben nicht so, dass man sich immer für das richtige Thema entscheidet. Es war beispielsweise bei den ersten Protesten des arabischen Frühlings so, dass die meisten Medien darüber gar nicht berichtet haben. Man hat den Aufruhr in der arabischen Welt einfach für nicht wirklich relevant erachtet. Einige Redaktionen glaubten sogar, dass würde sich schon alles schnell wieder legen. Es gab eben Erfahrungswerte – die es den Redaktionen nicht erlaubten, in einer solchen Situation, die richtige Entscheidung zu treffen.

Lange vor den Redaktionen wurde stattdessen im Social Web berichtet, was los ist und was geschieht. Mit immensem Erfolg. Blogger und Twitteraner hatten ein Millionenpublikum sicher, weil sie eben über ein relevantes Thema berichteten, während die Medien schliefen. Experten wurden geboren und so mancher Blog schaffte den Sprung von der Nische zum Mainstream.

Tatsächlich haben die sozialen Netzwerke, aber allen voran Blogs dafür gesorgt, dass es neben der vorherrschenden Meinung der Redaktion, was wichtig ist, auch Themen gibt, die ihre Leserschaften finden. Während viele Medien quasi voneinander abschreiben, sind Blogger und Micro-Blogger in der Lage ihre Themen selbst zu bestimmen. Das passt wiederum vielen Journalisten nicht.

Informationen: Wer trägt Verantwortung?

Es gibt viele Blogger und Autoren die unterwegs sind, die sich nicht mit dem Handwerk des Journalismus auskennen, und vor allem, die mit einer gepfefferten Meinung, Texte schreiben. Ich selbst zähle mich (noch) zu dieser Gruppe. Und dies ist wiederum tatsächlich ein Problem. Wo fängt die Verantwortung für Informationen an?

Ein Journalist hält sich zumindest an einen Kodex, er weiß wie er Informationen verarbeiten und wie er sie transportieren muss. Er hält Abstand zu den Themen, über die er berichtet und schreibt. Ein Blogger hingegen ist selbst oft korrumpiert und voreingenommen. Er schreibt zu einem Thema, dass ihm wichtig ist und das er auch nur in dieser einen Hinsicht bearbeitet und verarbeitet sehen möchte.

„Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.“
Kurt Tucholsky

Die Unabhängigkeit geht so flöten. Es hat aber auch seine gute Seite. Die Arbeit von Blogs und Bloggern führt dazu, dass ein Umdenken bei den Redaktionen stattfindet. Es wird jetzt auch genauer hingeschaut, worüber sprechen die Leute auf twitter, was schreiben die Blogger. Hier wird dann wieder selektiert, aber es schaffen deutlich mehr Themen den Sprung in die Haupt-Nachrichten, als noch vor ein paar Jahren.

Langfristig wird sich eine Synthese ergeben müssen. Die Redaktionen können die neue Öffentlichkeit nicht ignorieren. Sie müssen sie wahrnehmen, auch mit ihrer Kritik und auch mit ihren Worten und Verbesserungsvorschlägen. Damit wird es einfacher Informationen zu finden – das Sichten wird aber schwieriger…


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