Brandkatastrophe von Backnang

Der Versuch, die Dinge unaufgeregt wahrzunehmen, scheiterte in den letzten Wochen bei mir gewaltig. Ich bin derzeit aufgewühlt und voller Wut, weil die Dinge, die um uns herum passieren und uns alle angehen, mich nicht ruhen lassen.

Doch heute war es etwas anders. Ich las bereits sehr früh einen ersten Bericht von der Brandkatastrophe. Backnang. Der Ort klingt für mich allein schon vom Namen her so vertraut wie Wilhemsburg oder Harburg. Beides soziale Flickenteppiche, mit Altbau-Wohnungen, in denen die Menschen wohnen, die sich eben kein besseres Zuhause leisten können. Ein sozial schwaches Viertel. Ein Ort mit Menschen, die Probleme haben. Danach klang, danach klingt für mich Backnang.

Doch in dem Bericht, in dem durchaus auf viele Tote hingewiesen wurde, mit keinem Wort der “Migrationshintergrund” der Opfer erwähnt. Ich wunderte mich. Irgendwie sagte mir eine innere Stimme: Komisch… Normalerweise würde hier doch immer etwas von türkischstämmig stehen. In Boulevard und rechtslastigen Zeitungen sogar nur was von Ausländern. Und doch, im ersten Bericht, den ich heute über die Brandkatastrophe gelesen habe, stand nichts und doch konnte ich irgendwie fühlen, dass mich der Vorfall direkt ansprach.

Meine innere Stimme sagte mir erneut: War es ein Anschlag gegen Türken?

Ich suchte weiter und wurde fündig. Berichte über die Brandkatastrophe von Backnang enthielten jetzt erste Hinweise darauf, dass es sich um “Migraten“, “Ausländer“, “Türken” oder “türkischstämmige” bei den Opfern handelte.

Während ich so vor mich hin las kochten im Social Web die Gemüter bereits heiß hoch. Ich war nicht der Einzige, dessen innere Stimme bereits von einem Anschlag ausging, sondern viele meiner sogenannten Landsleute hatten ähnliche Gedanken. Sie artikulierten es allerdings auch in Worten, die ich so nicht sagen würde.

“Die haben wieder welche von uns verbrannt.”, “Die werden das bestimmt wieder vertuschen!”, “Unsere Regierung muss endlich etwas gegen diese Nazis unternehmen.”

Seit dem Auffliegen der NSU ist die Seele der türkischen Bevölkerung in Deutschland verletzt. Wir gehen jetzt soweit, ohne jegliche Beweise, sogar Vermutungen über Hintergründe anzustellen, weil es eben nicht anders sein kann, als dass es da eine Verschwörung gegen uns gibt. Eine Verschwörung, die darauf hinaus läuft, dass man uns Alle vergasen und verbrennen möchte.

“Das Volk von Hitler,” wird dann munter von meinen Landsleuten konstatiert und angeklagt.

Der NSU war ein Einschnitt in das Verhältnis und auch in das Vertrauensverhältnis der türkischen Bevölkerung in Deutschland zur Mehrheitsgesellschaft. Und leider ist es so, dass wir Alles mittlerweile sehr kritisch beäugen, weil wir Zweifel haben, weil uns weder die Politik, noch der Staat, noch die Sicherheitskräfte überhaupt vertrauen lassen. Immer wieder haben wir es erlebt, dass Hintergründe bei Taten verschwiegen wurden oder gleich von vornherein ausgeschlossen wurden.

So wird häufig in einem Fall, der eindeutig dem Rechtsextremismus zuzuordnen ist, immer von der Polizei eine politisch motivierte Tat von vornherein ausgeschlossen. Wir empfinden das zumindest so. Dieses wir, dass sind die Türken in Deutschland, egal ob sie zu einer bestimmten Community gehören oder nicht. Und wir sind immer maßlos enttäuscht und angesichts der Vorkommnisse, die neun Menschen das Leben gekostet haben, weil die Polizei und die Sicherheitskräfte immer ein “fremdenfeindliches Motiv” ausgeschlossen haben, ist das auch sehr verständlich.

So war es heute wieder so. Kurz nach dem die ersten Leichen geborgen wurde, schloss die Feuerwehr erneut in Windeseile einen ausländerfeindlichen Anschlag oder Brandstiftung aus, weil es dafür keine Hinweise gäbe. Wieso ermittelt man nicht ergebnisoffen? Ist es zu viel verlangt, angesichts eines so sensiblen Falles, dass sich erneut in die Herzen von Millionen Menschen in Deutschland einbrennt, in alle Richtungen und ergebnisoffen zu ermitteln?

Solche Erklärungen sind es, die die Menschen misstrauisch werden lassen. Und wir haben leider zahlreiche Fälle, auch in der jüngeren Vergangenheit gehabt, die den Türken in Deutschland Recht geben wenn sie so denken, wenn sie so voreingenommen sind.

Das war ja auch der Fehler den die Ermittler damals schon beim NSU gemacht hatten – mal abgesehen davon, dass es berechtigten Grund zur Annahme gibt, dass der NSU von V-Leuten und Sicherheitskreisen auch gedeckt und unterstützt wurde, und dass jetzt zahlreiche Verantwortliche versuchen die Aufklärung zu verhindern und sogar zu vertuschen.

Dabei wünscht sich kaum Jemand, dass es wirklich so gewesen ist. Wir wollen nur Gerechtigkeit. Es gibt kein anderes Volk bei dem das Temperament und der Gerechtigkeitssinn so ausgeprägt sind, wie bei den Türken. Und es gibt leider keinen anderen Staat auf der Welt der dermaßen gegenüber diesen Empfindungen blind und schwerhörig ist wie Deutschland. Es ist eine Tragödie, dass gerade die Türken mit den Deutschen zusammen dieses Land nach dem Krieg aufgebaut haben. Sie passen rein vom ursprünglichen und emotionalen überhaupt nicht zueinander.

Und doch, ich hielt mich heute zurück mit Spekulationen und ich wollte einen positiven Lichtblick am Himmel sehen, wo ich endlich sagen konnte: Bleibt ruhig, habt Vertrauen. Und diesen Lichtblick lieferte mir der Landesvater von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. Der Ministerpräsident war am Ort des Geschehens zusammen mit dem türkischen Botschafter und sprach tröstende Worte, sowohl an die Angehörigen, als auch die gesamte türkische Bevölkerung.

Eine Geste, mehr nicht – und doch so viel mehr Wert, als man glauben mag und möchte…

Das gestörte Verhältnis zwischen den Bevölkerungs-Teilen muss sich endlich bessern und wir müssen Alle unseren Teil dazu leisten. Ein bisschen Sensibilität im Umgang mit einer großen Bevölkerungsschicht sind da ebenso wichtig, wie auch der Abschied von Verschwörungstheorien über eine geheime Agenda gegen Türken. Wir brauchen endlich Vertrauen und dieses Vertrauen muss langfristig ausgelegt aufgebaut werden. Ansonsten wird sich der erste Gedanke, wie wir gestern wieder erneut sehen konnten, so wiederholen. Wir werden vorurteilsbehaftet umher gehen und das Trauma nie verarbeitet haben, dass uns alle irgendwie betrifft und daran hindert gemeinsam eine Einheit zu bilden.

Das wird nicht von heute auf morgen gelingen können, es braucht sicherlich seine Zeit, aber ich glaube daran, dass es früher oder später gelingen muss und gelingen wird. Bis dahin bleibt in uns allen leider ein Zweifel erhalten, der sich im Angesicht von Katastrophen immer wieder melden wird. Eine innere Stimme die uns immer wieder zur Verzweiflung und zur Wut treiben wird. Angesichts solcher Stimmen vergessen wir aber sehr oft das Wichtigste… Zusammenhalt und Unterstützung…

Unser Beileid gilt den Überlebenden und Angehörigen der Opfer. Wir trauern mit Ihnen und wünschen Ihnen viel Geduld und Kraft um diese harte Zeit zu überstehen.


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Ein Gedanke zu „Brandkatastrophe von Backnang“

  1. Wir gehören zueinander. Zusammenhalt und Unterstützung… ich glaube das wir genug davon haben.

    Wir müssen aber unbedingt noch mehr wachsen und an Stärke gewinnen… so das man uns nicht ignorieren und übersehen kann.

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