Islam-Debatte: Kampagne gegen Mouhanad Khorchide?

Kritik an nur einem Zitat aus dem Buch

Muslime fordern immer wieder, dass man die Kritik am Islam nicht kontextunabhängig betreiben soll, aber genau das scheint im Fall Mouhanad Khorchide nicht passiert zu sein. An nur einem einzigen Zitat, dass zudem in die türkische Sprache verkürzt und ziemlich entzerrt übersetzt wurde, übten die drei Vertreter der DITIB, der SCHURA und des BIG heftige Kritik am Professor für Islamische Theologie und am Standort Münster als Ausbildungszentrum für Islamische Theologen und Religionslehrer.

Tatsächlich wünscht sich kein Muslim, dass ein Standort sich von islamischen Grundsätzen lossagt, doch die Frage ob man diesen Eindruck wirklich gewinnen muss, wenn man sich das Buch von Mouhanad Khorchide von Anfang bis Ende durchliest, ist zu verneinen.

Islam ist Barmherzigkeit ist anders

Das Buch von Mouhanad Khorchide, dass ich mir im Übrigen heute online in einer Kindle-Version bestellt und durchgelesen habe, gibt die Vorwürfe aus der “Türkiye”, wie sie auch in der “Islamischen Zeitung” verkürzt dargestellt wurden, so nicht wieder.[1]

Tatsächlich muss man dem Professor sicherlich vorwerfen, dass er eine oft beliebig erscheinende Auswahl an Theorien und Ansichten konstruiert, die auch stark angreifbar und anzweifelbar sind, aber selbst diese kruden Ansichten basieren immer auf islamischen Grundlagen und auch auf islamischer Literatur und Vorstellungen. Das heißt Mouhanad Khorchide hat hier nicht etwas komplett neu erfunden, sondern sich vor allem auf einen Schwerpunkt konzentriert, den viele Muslime nur begrüßen können und auch fördern sollten: Dem Thema der Barmherzigkeit im Islam.

Auch die besagte Stelle, die insgesamt und immer noch verkürzt betrachtet so aussieht, und vielfach auch online kritisiert wurde, gibt das eigentlich so nicht her, was vorgeworfen wurde:

“Die Bezeichnung »rechter Weg« kommt in der ersten Sure des Koran vor, die Muslime in jedem Gebet wiederholen: »Leite uns den rechten Weg.« In den oben zitierten Versen der sechsten Sure wird dieser Weg genau definiert. Dieser ist auch der Weg, zu dem alle Propheten vor Muhammad gerufen haben. Das ist auch der Grund, warum der Koran von einem einzigen Glauben spricht, den er »Islam« nennt: »Die Religion bei Gott ist der Islam.« 3 Er meint nicht das, was wir heute als Islam bezeichnen: die Religion, die im siebten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel von Muhammad verkündet wurde. Vielmehr meint er mit Islam die Annahme von Gottes Liebe und Barmherzigkeit und deren Verwirklichung im Handeln, sowohl gegenüber den Mitmenschen als auch gegenüber Gottes Schöpfung. Daher wird zum Beispiel Abraham im Koran als Muslim bezeichnet, sowie auch Lot, Noah und auch die Anhänger Jesu.

Die Verwirklichung von Gottes Liebe und Barmherzigkeit auf der Erde verliert zentrale Bedeutung, wenn wir den Islam auf Glaubenssätze oder auf das Glaubensbekenntnis reduzieren.

Nach der oben dargestellten Definition des Islam ist jeder, der sich zu Liebe und Barmherzigkeit bekennt und dies durch sein Handeln bezeugt, ein Muslim, auch wenn er nicht an Gott glaubt, denn Gott geht es nicht um die Überschriften »gläubig« oder »nichtgläubig«. Gott sucht nach Menschen, durch die er seine Intention, Liebe und Barmherzigkeit, verwirklichen kann; Menschen, die bereit sind, seine Angebote anzunehmen und zu verwirklichen. Und umgekehrt ist jeder, der meint, an Gott zu glauben, jedoch Liebe und Barmherzigkeit nicht durch sein Handeln bezeugt, kein Muslim.”[2]

Tatsächlich muss man das schon so verstehen, dass Prof. Mouhanad Khorchide, sich eher missverständlich ausgedrückt hat, und sich auch eher um eine Theologische Debatte bemühen wollte. Sein gesamtes Buch zeugt von diesem Ansatz der Debatte und dem Bruch mit eingeschränkten Sichtweisen auf die Dinge.

Das ist nicht jedermanns Sache und inhaltlich gibt es sicherlich auch viel zu kritisieren, aber ist es richtig anhand nur eines Zitats Khorchide und das Zentrum für Islamische Theologie in Deutschland so anzugreifen und auch zu diskreditieren?

Man soll nicht urteilen ohne gesprochen zu haben

Ich entschied mich, zuerst auch Herrn Khorchide direkt anzusprechen, anstatt mich auch komplett der Meinung anzuschließen, die dann vor allem durch die Islamische Zeitung, durch bestimmte Islam-Vertreter und auch Organisationen im sozialen Netz sehr öffentlich und scharf geführt wurde.

Und tatsächlich hat sich Mouhanad Khorchide dann wie bei mir auch angekündigt am späten Abend über die Website des Zentrums für Islamische Theologie zu den Vorwürfen, die er wahrscheinlich nicht mal richtig verstehen konnte, weil sie in türkischer Sprache erfolgten, geäußert und diese scharf und deutlich von sich gewiesen.[3]

Prof. Mouhanad Khorchide’s Klarstellung zu aktuellen Vorwürfen aus Hamburg im Volltext

Anbei nehme ich Stellung zu den Äußerungen einiger muslimischer Organisationen aus Hamburg, die mich via Presse auffordern, „die Reue (tauba) abzulegen und sich wie ein Muslim zu verhalten“. Mir wird vorgeworfen, in meinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ die Glaubensprinzipien des Islam, vor allem den Glauben an Gott und seinen Propheten, aufgeben zu wollen (!), sowie „Unkenntnis über die islamischen Glaubensgrundsätze“. Dazu folgende klare Positionen von mir:

  1. Die sechs Glaubensgrundsätze und die fünf Säulen des Islam sind für den Islam konstituierend und ein essenzieller Bestandteil des muslimischen Glaubens, also meines Glaubens. Das ist mein meine persönliche Gesinnung und meine theologische Position. Der Gesandte Gottes sagte: „Der Islam wurde auf fünf Tragpfeilern gebaut: dem Zeugnis, dass es keine Gottheit gibt, außer dem einen Gott, und dass Muhammad sein Gesandter ist (šahāda), dem Verrichten des Gebetes (aṣ-ṣalāh), dem Entrichten der sozialen Abgabe (zakāh), die Pilgerfahrt (ḥaǧǧ) und dem Fasten im Monat Ramadan (ṣaum)“ (Bukhari, Nr. 8). Er sagte auch: „Du sollst an Gott glauben, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Propheten, und den Letzten Tag, und an die Göttliche Vorsehung, das Gute und das Böse davon.“ (Die vierzig Hadithe bei an-Nawawī, Nr. 2)
  2. Das ganze Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ durchgehend betone ich den Stellenwert einer engen und aufrichtigen Beziehung zu Gott als Essenz der islamischen Botschaft und mache dabei die koranische Vorstellung einer dialogischen Gott-Mensch-Beziehung, die auf Liebe und Vertrauen basiert (Koran, 5:54), stark. Die Unterstellung, ich würde den Glauben an Gott oder den Propheten Muhammad dekonstruieren wollen, ist eine Verleumdung, die ich auf das Schärfste zurückweise.
  3. Wenn ich im Buch schreibe, dass der Koran unter anderem die Propheten Noah, Abraham, Lot und die Anhänger Jesu als Muslime bezeichnet (S. 125), dann will ich damit darauf hinweisen, dass der Koran unter dem Begriff „Muslim“ nicht nur die Anhänger des Propheten Muhammad bezeichnet. Zitat: „Der Koran nennt diese Hinwendung zu Gott, die sich in der Annahme seiner Liebe und Barmherzigkeit verwirklicht und im Handeln gegenüber den Mitmenschen und Gottes Schöpfung zum Ausdruck kommt, »Islam«: »Die Religion bei Gott ist der Islam.«“ (S. 125) Das ist keine Dekonstruktion des Islam, sondern die Betonung der Kontinuität göttlicher Verkündung.
  4. Wenn ich auf Seite 87 schreibe: „Vielmehr meint er [der Koran] mit Islam die Annahme von Gottes Liebe und Barmherzigkeit und deren Verwirklichung im Handeln, sowohl gegenüber den Mitmenschen als auch gegenüber Gottes Schöpfung“, dann meine ich auch, dass es sich beim Islam um die Annahme von GOTTES Liebe und Barmherzigkeit und nicht irgendeiner anderen Liebe und Barmherzigkeit handelt. Gott wird keineswegs verdrängt. Anschließend führe ich fort: „Nach der oben dargestellten Definition des Islam ist jeder, der sich zu Liebe und Barmherzigkeit bekennt und dies durch sein Handeln bezeugt, ein Muslim, auch wenn er nicht an Gott glaubt, denn Gott geht es nicht um die Überschriften »gläubig« oder »nichtgläubig«.“ Und genau dieser Satz ist der Auslöser der aktuellen Aufregung. Zugegebenermaßen lässt der Satz auch Raum für Missverständnisse, vor allem wenn man den vorhergehenden Satz nicht berücksichtigt, der betont, dass es weiterhin um Gott geht. Daher folgende Ausführung, die ich auch in die nächsten Auflage des Buches aufnehmen werde: Neben uns Muslimen leben auch viele Nichtmuslime, die zwar das Vermögen haben, an Gott zu glauben, bzw. Muslime zu sein – denn, wie der Prophet Muhammad sagte, wird jeder nach „Fitra“ geboren [anthropologischer Zustand, sein Leben auf Gott hin auszurichten] und ist deshalb via Geburt als Muslim zu bezeichnen – diese Menschen haben allerdings den Islam nicht, oder stark verzerrt, kennen gelernt und bekennen sich daher auch nicht zu ihm. Wenn sie gütige Menschen sind, die eine gute Seele haben, was ist dann mit ihnen? Der Koran tadelt Menschen, die die Botschaft des Propheten ablehnten, dies geschah aber erst dann, wenn sie sich mit allen Argumenten des Propheten auseinandergesetzt hatten, sodass sie am Ende dasselbe Wissen über die Wahrheit hatten wie er und diese dennoch verleugneten: „Wenn sie sich aber abkehren, so sag: ‚Ich habe euch gleichermaßen (ʿalā sawāʾ) ermahnt‘“. Exegeten haben den Begriff (ʿalā sawāʾ) so ausgelegt: „Mein Wissen [das Wissen von Muhammad] und euer Wissen stehen auf derselben Ebene.“ (Koran, 21:109; vgl. Tafsīr von Ibn ʿAšūr oder al-Qurṭubī). Ich frage nun, ob alle Nichtmuslime, von denen die Vertreter der muslimische Organisationen in Hamburg erwarten, dass ich sie verdamme, dasselbe Wissen über Gott und den Islam und dieselben Argumente, die für den Glauben sprechen, so verinnerlicht haben, wie ein überzeugter Muslim und trotzdem Gott und den Islam ablehnen. Es würde das Prinzip der göttlichen Barmherzigkeit widersprechen, wenn Gott Menschen, die ein verzerrtes Bild von ihm bzw. vom Islam haben, in die Hölle schicken würde, nur weil sie sich nicht als Gläubige bzw. Muslime deklarieren, obwohl sie im Grunde potenzielle Muslime sind, da sie im Grunde durch ihre Einstellung und ihr Handeln „Ja“ zu Gottes Liebe und Barmherzigkeit, also „Ja“ zu Gott selbst gesagt haben – auch wenn sie nicht wissen, dass es Gott ist, dem sie sich zugewandt haben. Diese meine Position darf keinesfalls dahingehend missverstanden werden, dass es ausreichen würde, allein gütig zu sein, ohne einen Glauben an Gott, also dass der Glaube an Gott und mithin an den Gesandten Muhammad obsolet wäre. Genau das meine ich nicht! Mir ist auch keine einzige islamische Position bekannt, die meint, dass Menschen, die die göttliche Verkündung nicht erreicht hat, verdammt würden. Und genau über diese Gruppe von Menschen, die heute gar nicht so klein ist, mache ich mir die obigen Überlegungen.

Für die Etablierung der islamischen Theologie in Deutschland wäre es sehr wichtig, dass Personen und muslimische Organisationen, die Interesse an der Förderung der islamischen Theologie in Deutschland haben, diesen Prozess wohlwollend begleiten. Wenn man meint, dass eine Aussage oder eine theologische Position im Widerspruch zu den Grundsätzen des Islam steht, dann ist es ein islamisches Gebot, die betroffene Person zu kontaktieren und das Gespräch mit ihr zu suchen und nicht via Medien Unterstellungen zu verbreiten. Mediale Polemik von Muslimen gegen muslimische Theologen schadet dem ganzen Prozess der Etablierung der islamischen Theologie in Deutschland. Auch der krampfhafte Versuch einiger Personen und Institutionen, gerade den Standort Münster zu Fall zu bringen, zeugt von keiner islamischen, feinen Haltung. Ebenso wenig die realitätsferne Unterstellung, dem Standort Münster würde ein Staatsislam aufoktroyiert. Von den muslimischen Organisationen erwarte ich, dass sie diesen Prozess der Etablierung der islamischen Theologie weiterhin mit dem islamisch gebotenen Einsatz fördern. Die Muslime, vor allem die jungen, sehen in der islamischen Theologie eine große Chance, sich mit ihrer Religion auf wissenschaftlichem Niveau auseinanderzusetzen. Dass es dabei zu unterschiedlichen Positionen kommen kann, ist Teil der islamischen Tradition, die durch diese Vielfalt immer bereichert wurde. Eine andere Meinung muss nicht zwangsläufig eine schlechte Meinung sein. Kritik ist notwendig, ich möchte aber an meine muslimischen Kritiker appellieren, sich zuerst die Chance zu geben, meine Positionen zu verstehen, bei Unklarheiten, mich direkt zu kontaktieren und wohlwollend, im Sinne der Sache selbst, die uns alle betrifft, das Gespräch zu suchen.

„Unser Herr,
tadle uns nicht für das,
was wir vergessen oder verfehlen.“ (Koran, 2:286)

Interview mit Mouhanad Khorchide zu den Vorwürfen

Der Münsteraner Professor nahm sich zudem auch die Zeit auf Fragen von meiner Seite zu antworten, insbesondere auch zu den Vorwürfen, die in dieser Form dann gegen ihn geäußert wurden.

Frage: Haben Sie die Kritik, die aus Hamburg an Sie gerichtet wurde überhaupt wahrgenommen?
Antwort: Ja, aber erst heute (Anmerkung des Autors: Also erst Samstag) gegen Mittag.

Frage: Ist es richtig, wenn man Sie dann so versteht, dass Sie quasi der Auffassung sind, das Bekenntnis zum Islam ist unnötig um Muslim zu sein?
Antwort: Sooooo ein Blöööödsinn!!!! Ohne Glaubensbekenntnis und zu den fünf Säulen und sechs Glaubenssätzen des Islam zu stehen ist man kein Muslim!

Frage: Machen Sie es sich vielleicht nicht zu einfach, wenn Sie den Glauben nur an Liebe und Barmherzigkeit orientiert wiedergegen? Andere Theorien und Prinzipien wie Gerechtigkeit und Tauhid scheinen ja keine Rolle zu spielen, nach der Darstellung im Interview.
Antwort: Dann hat man mich ganz missverstanden. Ohne Tauhid geht gar nichts!!! Und Gerechtigkeit wird im Buch unterstrichen. Nur ich sehe es so, dass Gott nicht nur Gerechtigkeit will, sondern darüber hinaus strebt er die Vervollkommnung des Menschen an. Er will nicht nur Gerechtigkeit wiederherstellen, sondern auch, dass der Sündige sich verbessert (läutert). Wie die Mutter, wenn ein Kind von ihr ein Spielzeug wegnimmt von seiner Schwester, was ihr gehört, dann ist die Mutter auf jeden Fall an Gerechtigkeit interessiert, also daran, dass das Kind, dieses Spielzeug seiner Schwester zurückgibt, sie will aber darüber hinaus das ursprüngliche Problem lösen, dass das Kind zukünftig nicht mehr sich an Sachen vergreift, die es nicht gehören…

Frage: Verstehen Sie die aufgekommene Kritik?
Antwort: Wenn ich sagen würde, man braucht nicht an Gott zu glauben, um Muslim zu sein, dann würde ich mich selbst nicht mehr als Muslim bezeichnen. Und würde dann alle Kritik der Welt verstehen. Nur das habe ich so nie gesagt. Man sollte sich den Text in meinem Buch auch im Kontext ansehen und auch nur so bewerten.

Frage: Ist es richtig, dass Studenten sich aus Münster verabschieden, wie es beispielsweise in der Islamischen Zeitung heute geschrieben wurde, weil dort eine Theologie gelehrt wird, die nicht mit den traditionellen Lehren übereinstimmt?
Antwort: Diese Angabe kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, es kommen immer mehr und mehr Anfragen von Interessierten. Wir unterrichten den Islam, wie man den Islam auch sonst kennt. Du, und auch alle Anderen sind ganz ganz herzlich willkommen, Gespräche mit den Studierenden zu führen. Wir haben am 6. März zudem eine Abschlussfeier in der DITIB Moschee. Dort kann man sich dann auch mal ein eigenes Bild machen.

Frage: Könnten Sie es verstehen, wenn Eltern ihre Kinder nicht in den Islam-Unterricht schicken, angesichts solcher Diskussionen?
Antwort: Klar. Solche Diskussionen schaden und schaden und schaden. Die Brüder aus Hamburg hätten zuerst mich kontaktieren sollen und mit mir reden sollen und nicht gleich an die Presse gehen müssen… Schade!

Kampagne gegen den Professor?

Mouhanad Khorchide selbst sieht sich einer enormen Ungerechtigkeit ausgesetzt. Man muss auch verstehen und auch im Hinterkopf behalten, dass der Münsteraner Professor bisher schon nicht in seiner Vita und im jetzigen Alltag von Kritik verschont geblieben ist, gerade weil er wohl auch so offen mit seinen Thesen umgegangen ist. Er hatte sicherlich wohl darauf gehofft, dass seine Thesen vor allem im Diskurs zu einer längst überfälligen Islam-Debatte, auf vernünftige Art und Weise diskutiert würden.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass fast alle Seiten, seien es Muslime, seien es Nicht-Muslime, sei es der Staat mit seinen Interessen, aber auch die Universität mit ihren eigenen Interessen, den Chef des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster aus unterschiedlichen Gründen immer mal wieder bedrängen. Den muslimischen Vertretern ist Mouhanad Khorchide anscheinend zu liberal, den Nicht-Muslimen eher zu konservativ.

Die Angriffe erfolgen aber auch sehr merkwürdig konstruiert. Beispielsweise hätte wahrscheinlich Niemand von den Vorwürfen Kenntnis erlangt, weil sie in türkischer Sprache erfolgten, wenn die Islamische Zeitung diese nicht verkürzt in Deutscher Sprache wiedergegeben hätte und führende Funktionäre von Islamischen Organisationen diese Vorwürfe mit Seiten aus dem Buch nicht auch über die sozialen Medien erneuert hätten.

Es ist auch fraglich was die Islam-Vertreter beispielsweise aus Hamburg mit ihrer Kritik auslösen wollten. Wenn sie die Islamische Theologie von Mouhanad Khorchide nicht gut finden, ist es ihre Sache. Die Frage sollte aber erlaubt sein: Warum wird beispielsweise die Akademie der Weltreligionen, die ohne Beirat und ohne die Zusammenarbeit mit den Muslimen, eine neue und oft krude Theologie entwirft, die auch vor der eigenen Tür ist, so nicht angegriffen? Es erscheint merkwürdig, warum gerade Khorchide als Opfer ausgesucht wurde, und warum gerade jetzt. Anscheinend wurde man dazu entweder angestachelt, oder aber man hat wirklich nur dieses eine Zitat aus dem Buch von Mouhanad Khorchide, wie erwähnt, verkürzt erhalten und sich nur dazu geäußert.

Aber selbst das ist nicht zu tolerieren. Denn oft wird von Muslimen ein fairer Umgang erwartet, und erst Recht die Religionsgemeinschaften verlangen dies häufig sehr öffentlich bei Einschätzungen ihrer eigenen Arbeiten, aber insgesamt muss man sagen, dass man hier einen unfairen Umgang bevorzugt hat.

Ein zweiter Fall Kalisch?

Ich hatte nach dem lesen des Artikels in der Türkiye übrigens den Eindruck, dass hier ein zweiter Fall Kalisch entstanden ist. Tatsächlich hatte ich das Buch von Khorchide bis zum heutigen Tag nicht angesehen und erst im Zuge der Kritik angeschaut und durchgelesen. Hätte Mouhanad Khorchide wirklich wie behauptet die Ansicht, dass Menschen ohne Zeugnis Muslime sein könnten, hätte ich das auch für problematisch empfunden – gerade deshalb weil der Münsteraner Professor letztendlich für die Ausbildung von Religionslehrern und Theologen zuständig ist.

Aber nach dem Lesen und auch nach dem Statement wurde mir schnell klar, dass es hier nicht um den Inhalt des Buches geht. Warum die Kritik an Mouhanad Khorchide gerade jetzt aufgekommen ist, bleibt mir weiterhin ein Rätsel. Das Buch von ihm existiert bereits seit Oktober des letzten Jahres. Anscheinend hat man sich aber bis dato nicht die Mühe gemacht, die Thesen des Professors (die ich im Kern auf einer Tagung in Münster kennengelernt und auch beschrieben habe) genauer unter die Lupe zu nehmen.

Insgesamt scheint man versucht gewesen zu sein, sich über die Kritik an Khorchide, selbst zu profilieren. Das ist schade und das schadet sicherlich insgesamt der Islamischen Theologie in Deutschland – aber auf der anderen Seite denke ich auch, dass Mouhanad Khorchide mit seiner Stellungnahme seine Position klargestellt hat und er deshalb auch nicht zu einem zweiten Fall Kalisch wird.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Debatte jetzt wieder sachlich und unorientiert an eigenen Macht-Interessen geführt wird. Sonst schadet man sich womöglich, auch als Organisation, selbst. Denn bei aller Liebe für harte Kritik. Wenn man mit dem Professor, den die eigenen Muslim-Vertreter auch ins Amt gehievt haben und der damals bei seiner Einstellung noch von allen Seiten unterstützt wurde, in dieser Form versucht zu diskreditieren, macht man sich auf zweierlei Ebene lächerlich.

Man beweist zum Einen, dass man selbst auch unfair im Umgang mit Anderen ist, zum Anderen aber auch, dass man selbst nicht an eigenen Entscheidungen festhält. So kann man jedenfalls als Organisation von der Basis der Muslime langfristig nicht ernst genommen werden. Um es auf türkisch zu sagen: “Vatandaşı siz göreve getirdiniz, şimdi de yanlış yapıyor diyorsunuz. Aslında siz görevi bırakmanız lazım, eğer böyle yanlış bir karar aldıysanız.”

Fußnoten:
[1] Link zum Beitrag in der Islamischen Zeitung
[2] “Islam ist Barmherzigkeit, Seiten 87-88, Mouhanad Khorchide, Herder Verlag, ISBN: 978-3451305726
[3] Zentrum für Islamische Theologie in Münster

5 Gedanken zu „Islam-Debatte: Kampagne gegen Mouhanad Khorchide?

  1. Isa al-Kurdi

    As-Selam Aleykum,
    Was ist mit diesen Zitaten? Das Buch scheint ja mit merkwürdigen Zitaten durchtränkt zu sein.

    *editiert*

    Antworten
    1. Akif Sahin Artikelautor

      Selamun aleykum Isa,
      inschaallah geht es Dir gut, lange nix mehr von Dir gehört und auch nicht gelesen. Grundsätzlich bist du doch der Intelligentere von uns Allen. Wie wäre es, wenn Du Dir das Buch schnappst, durchliest und eine Rezension schreibst und dir eine eigene Meinung bildest, statt blindlings nur auf vom Zusammenhang gerissenen Zitaten eine Meinung zu bilden?

      Zu dem obigen Link. Ich unterstütze diese Geschwister nicht und möchte mit diesen auch nichts zu tun haben. Daher hab ich den Link editiert.

      Es gibt bisher im Übrigen durchaus eine gute Kritik zum Buch von Mouhanad Khorchide, die auf sachlicher Ebene kritisiert und auf die es dann auch Antworten von dem Autor gibt. Die Rezension von Mohammed Khallouk findest du hier: http://islam.de/21745

      Die Antwort von Mouhanad Khorchide gibt es hier: http://islam.de/21821

      Die darauf folgende Antwort von Mohammed Khallouk findest du dann wiederum hier: http://islam.de/21972

      Antworten
  2. Pingback: Debatte um die “Theologie der Barmherzigkeit” von Prof. Dr. Mouhanad Khorchide | blog.bilalerkin.de

  3. Sulaiman Wilms

    Lieber Akif,

    Du schreibst in Deinem Text: “Ist es richtig, dass Studenten sich aus Münster verabschieden, wie es beispielsweise in der Islamischen Zeitung heute geschrieben wurde, weil dort eine Theologie gelehrt wird, die nicht mit den traditionellen Lehren übereinstimmt?” Damit beziehst Du dich auf unsere Meldung. Die Aussage leitet sich aus Gesprächen mit Ex-Studenten aus Münster ab. Über die Qualität der Lehre haben wir ganz genau nichts geschrieben.

    Das ist sachlich falsch. Wir haben eine Zusammenfassung des Türkiye-Artikels gebracht. Deine Aussagen beinhalten selbst eine Deutungm, die sich aus dem einzigen Text, den wir bisher zum Thema Khorchide-Buch gebracht haben, überhaupt nicht Ableitung.

    Ich habe nichts gegen sportliche Seitenhiebe, aber diese müssen sachlich begründet sein, ansonsten handelst Du dir selbst den Vorwurf ein, falsch oder kontextlos zu zitieren.

    Grüße. Wa Salaam

    Sulaiman

    Antworten
    1. Akif Sahin Artikelautor

      Lieber Bruder Sulaiman,
      in dem Artikel der Islamischen Zeitung wird eine Verbindung zwischen der Kritik an Khorchide wegen des Zitats, und den angeblichen Studenten die verschwinden suggeriert und hergestellt. Das mag inhaltlich erst einmal nicht so erscheinen, aber für die Leserschaft wird genau dieser Zusammenhang hergestellt. Ich bin daher nicht bereit mir hier vorwerfen zu lassen, ich würde inhaltlich etwas falsch wiedergeben. Genau so stellt es sich für die Leserschaft dar. Daher war meine Frage an Khorchide in dieser Form auch nur richtig und berechtigt. Sachlich falsch ist auch nicht.

      Liebe Grüße zurück,
      wa salamu aleykum,
      Akif Sahin

      Antworten

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