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Salafismus: Bericht von der Tagung an der Universität Osnabrück

Vom 25. – 26. Januar fand eine vom Institut für Islamische Theologie (IIT) an der Universität Osnabrück organisierte Tagung zum Thema “Salafismus in Deutschland: Entstehung, Radikalisierung, Prävention” statt.

Salafismus TagungIn meiner Arbeit mit Jugendlichen begegnet mir immer öfter das Phänomen des Salafismus. Vielfach hat man aber oft in Bezug auf diese Thema einen versteiften Blick. Gerade um auch andere Perspektiven kennen zu lernen war es mir daher ein persönliches Anliegen an der Tagung “Salafismus in Deutschland: Entstehung, Radikalisierung, Prävention” teilzunehmen und neben dem Programm auch Kontakte zu politischen Vertretern, Organisationen und Personen zu knüpfen, die sich dem Präventions-Thema widmen und dabei auch erste Erfahrungen teilen können.

Ich hatte mich daher auch relativ früh, nachdem die Tagung offiziell bekannt wurde, per E-Mail angemeldet und erfuhr später von Freunden, die sich auch anmelden wollten, dass sie z.T. abgelehnt wurden, weil einfach zu viele Leute sich für die Tagung angemeldet hätten. Dies zeigt deutlich, dass es in Deutschland einen enormen Bedarf an solchen Programmen, vor allem auf wissenschaftlicher Ebene, gibt. Zum Programm selbst: Flyer

Abgrenzung schwierig

Was durch den Eingangsvortrag von Prof. Dr. Sami Zemni (Universität Ghent-Belgien) bereits anklang und später auch durch das Podium zur Entstehung des Salafismus deutlich wurde, ist, dass es weiterhin keine klare Abgrenzung zwischen den verschiedenen Stufen und Gruppen des Salafismus gibt. So war es beispielsweise auch Prof. Dr. Sami Zemni, der in seinem Eingangsvortrag quasi einen Übergang zwischen Hizb ut Tahrir, Muslimbruderschaft und Salafiyya  erkennen ließ.

Ebenso zeigte sich auch, dass bei der Frage nach der Unterscheidung zwischen der Wahhabiyya und der Salafiyya weiterhin keine klare Trennschärfe vorhanden ist.

Auch die Unterteilung von Claudia Dantschke, die am Zentrum Demokratische Kultur in Berlin arbeitet und aktiv Präventionsarbeit leistet, in vier Bereiche des Salafismus, zeigte dass heutzutage von den Sicherheitsbehörden wiedergegebene Zahlen zum Phänomen des Salafismus tatsächlich nur einen Bruchteil dessen darstellen was auch wirklich an Salafis in Deutschland vorhanden ist. Gerade Salafis, die puristisch sind, aber unpolitisch und auch sonst nichts mit Gewalt am Hut haben, gäbe es viele, aber es fehle an nötigen Studien zum Thema, um auch eine klare Zahl zu benennen. Man geht allerdings davon aus, dass die Zahl der puristisch orientierten Salafis deutlich die Zahl der Salafisten übersteigt.

Das heißt grundsätzlich, dass man hier über eine Minderheit in einer Minderheit spricht, von der wiederum wieder nur eine Minderheit gewaltbereit ist.

Auch die Bezeichnung der jetzt in Deutschland vorhandenen Bewegungen, die oft wahrgenommen werden erweist sich als schwierig. So zeigte gerade Bacem Dziri in seinem Vortrag, dass es vielfache und zahlreiche Bezeichnungen für die Strömungen der Salafiyya gibt, er vor allem in Bezug auf die jüngsten Entwicklungen den Begriff der Neo-Salafiyya bevorzugt.

Wenigstens gab es in Bezug auf die Entstehungsgeschichte quasi eine Übereinkunft. Hier wurde einerseits auf die geschichtliche Entwicklung hingewiesen, als auch eine Trennschärfe bei der in Deutschland ansässigen Salafiyya geleistet. So kann man durchaus davon ausgehen, dass die erste Generation von Salafisten in Deutschland noch darum bemüht waren die Theologische Dimension der Richtung zu verbreiten, während die zweite Generation ohne Theologen und Theologie versucht über Populismus und Politische Aktivität Jugendliche vom rechten Weg abzubringen.

Hier kann man derzeit auch beobachten, dass es kaum noch echte Theologie von Salafis in Deutschland gibt, stattdessen gibt es Laien-Prediger und Autodidakten, die eine Pseudo-Theologie verbreiten, die oft mit Halbwissen und Feindbildern arbeitet.

Gemischtes Bild an Vertretern des Salafismus in Deutschland

Es war wieder Claudia Dantschke, die in einem sehr anschaulichen Vortrag die verschiedenen Probleme durch verschiedene Vertreter der salafistischen Richtungen kurz wiedergegeben hat. Es zeigte sich in ihrem Vortrag, dass hinter vermeintlich lustigen und nicht ernst gemeint wirkenden Dingen auch eine klare Agenda verborgen sein kann, die das Zusammenleben in der Gemeinschaft sabotieren sollen.

Auch und gerade die diversen Prediger der Szene wurden mit ihren Heuchlereien entlarvt und dekonstruiert. An mehreren Beispielen konnte man sehr gut sehen, dass vermeintlich religiöse Predigten abgehalten werden, die in Wirklichkeit aber nur zur Manifestation von Feindbildern gedacht sind. Dabei wir die Religion missbraucht um eigene politische Positionen zu rechtfertigen.

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Radikalisierung ist keine Frage der Integration

Der Blogger Dirk Baehr, der die Szene vor allem im Netz beobachtet hat, zeigte anhand von vier symptomatischen Beispielen wie die Radikalisierung von Jugendlichen geschehen kann, sodass diese sich dem bewaffneten Kampf, der Unterstützung des Online-Terrorismus anschließen oder selbst Anschläge verüben.

Die Darstellungen und Erläuterungen von Baehr zeigten, dass es in der Frage des Salafismus und der Prävention oder der Deradikalisierung so gar nicht um Integrationsfragen geht. Oftmals sind Diejenigen, die in den Extremismus verfallen, gut integrierte, ja sogar urdeutsche Personen.

In die gleiche Richtung ging auch Dr. Marwan Abou-Taam vom LKA Rheinland Pfalz. Er bestätigte, dass es in der Gesellschaft viel zu oft eine Vermischung von Integrations-Fragen mit sozialen Problemen gäbe. Gleichzeitig versuche man auch durch Sicherheitspolitik Fragen der Integration zu lösen.

Prävention?

Das Thema Prävention kam so gut wie gar nicht zum Zug. Es fehlt weiterhin sowohl bei Sicherheitskräften als auch bei öffentlichen wie nicht-öffentlichen Trägern an echten Konzepten zur Prävention.

Der Verfassungsschutz in Niedersachsen schien beispielsweise darunter ausdrücklich nur die Verhinderung von Terror-Anschlägen zu verstehen. Auf dem Podium wurde zu diesem Thema kaum etwas geleistet.

Dafür gab es aber im Nebenprogramm (also im Austausch mit den Teilnehmern an der Tagung) die Möglichkeit sich mit verschiedenen Fachleuten auszutauschen und auch Kontakte zu knüpfen. Eines der Projekte, dass sich auf das Thema Prävention konzentriert ist beispielsweise Kitab vom Verein zur Förderung akzeptierter Jugendarbeit (VAJA). Das ist eine dieser Stellen, die vom BMI und dem BAMF im Rahmen der Deradikalisierungs-Hotline eingerichtet wurde.

Man muss auch auf die Arbeit von Claudia Dantschke und dem Zentrum für Demokratische Kultur in Berlin hinweisen, dass sich allen Formen des Extremismus widmet. Gerade Dantschke hat im Bereich der Psycho-Sozialen Begleitung einen immensen Wissensschatz und sucht auch den Kontakt zu muslimischen Gemeinden um die Präventionsarbeit in Gemeinden gegenüber Extremisten zu stärken.

Fazit

Mein Gesamt-Fazit über die Tagung fällt sehr positiv aus. Es gab eine Menge Input und man hatte die Möglichkeit wichtige Kontakte zu knüpfen. Was mir als einziges fehlte war ein größerer Schwerpunkt auf das Thema Prävention.

Islamische Theologie am Standort Osnabrück

Was mich beeindruckt ist der Standort für Islamische Theologie in Osnabrück. Prof. Dr. Bülent Uçar und Prof. Dr. Rauf Ceylan sind derzeit im öffentlichen Diskurs zum Thema Islam sehr stark vertreten und präsentieren und repräsentieren ihre Fakultät und Universität nach Außen in einer ungemein ehrlichen und erfrischenden Art.

Der Standort für IslamischeTheologie selbst versucht nicht wie andere Standorte in Deutschland eine neue oder neuartige Theologie zu entwerfen. Hier wird tatsächlich auf klassisches Wissen Wert gelegt, ebenso wie auch auf freie Forschung. Auch der Dialog mit den muslimischen Religionsgemeinschaften ist auf einem anderen Niveau, als in anderen Bundesländern. Während beispielsweise in Hamburg die Akademie der Weltreligionen so gut wie gar keine ordentlichen Beziehungen zu den Muslimen führen will und auf die Unabhängigkeit der Lehre pocht, kooperiert man in Osnabrück mit den Gemeinden, mit dem Hinweis darauf, dass später die Theologen ja auch in den Gemeinden arbeiten können sollen – trotzdem bewahrt die Fakultät mit ihrer Beirats-Lösung ihre Unabhängigkeit.

Die Publikationen, auch die Zeitschrift des Instituts, glänzen zudem mit exzellenten Beiträgen und Artikeln. Auch die Liste der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Institut, inkl. den Lehrbeauftragten, ist beachtens- und bemerkenswert.

Was mir auffiel ist auch, dass es eine Vielzahl an Studenten aus der Fakultät gab, die mit unter den Teilnehmern saßen und sich die Veranstaltung sehr genau angesehen haben. Auch das Podium mit den Vertretern der zweiten Reihe aus dem Institut glänzte. Dies zeigt, dass hier Wissen auf Kompetenz trifft.

Im Gespräch mit Studenten höre ich zudem kaum Beschwerden über die Arbeit und die Studiengänge zur Islamischen Theologie. Daher hier auch die Empfehlung: Schaut euch, wenn ihr Islamische Theologie studieren möchtet, unbedingt auch diese Fakultät an. Nächster Termin für eine Studienberatung ist übrigens der 2. Februar 2013 – Details hier: Flyer

Website: Institut Islamische Theologie

2 Enlightened Replies

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  1. Eso-Policier sagt:

    Der Islam muss reformiert werden. Ebenso das Christentum. Eine Alternative ist die freireligiöse Bewegung. Mehr dazu auf meinem Blog.

    • Akif Sahin sagt:

      Ich find das immer sehr lustig, wenn Jemand sagt: muss reformiert werden… Komischerweise kommen Muslime sehr gut mit der Moderne zurecht… Und übrigens… Billige Werbung für Blogs lasse ich generell nicht zu :)

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