Integration: Erfolgsgeschichten, die nicht erzählt werden…

Gestern Abend kurz nachdem ich mit dem Auto noch einen Begleiter in Hamburg-Altona abgesetzt hatte, kam ein Anruf. Ich dachte ich hätte mich verhört, aber der junge Mann am Ende der Leitung sagte nur ganz kurz: “Wir grillen, du musst unbedingt herkommen!” – Grillen bei diesem Wetter? Was ist denn der Anlass dachte ich mir.

Im Hinterhof zum Jugendlokal, wo man auch – während des Sommers – sehr schön grillen kann, hatte sich wieder einmal die komplette Gruppe von jungen Männern aus unserer Jugendgruppe zusammengetrommelt. Bruder Muhammed und der Rest waren gerade damit beschäftigt das Fleisch für den Grill vorzubereiten, während draußen, bei Schnee und Minus-Graden mehrere Leute versuchten den Grill kurz vor Mitternacht endlich anzuschmeißen.

Auf die Frage was los ist, wurde nur kurz von Muhammed geantwortet: “Ich hab meine Ausbildungsprüfung bestanden und mein Gelöbnis war ein Grill-Abend für alle Freunde und Brüder.”

Beispielhaft

Tatsächlich ist die Geschichte von Muhammed sehr interessant. Ich kenne ihn schon seit seiner frühesten Jugend und wir haben immer versucht, ihn und andere in der Jugendgruppe, die wir damals noch in einem Team betreut haben, so gut wie möglich zu unterstützen.

Muhammed ist innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Hamburg sozialisiert und machte trotz schwieriger Umstände seinen Realschulabschluss mit einer passablen Note. Er gehörte zu den intelligenteren Jungen damals, aber auch gleichzeitig zu denen die sehr faul waren, was ihn letztendlich von einem Studium oder dem Besuch des Gymnasiums abhielt. Er wollte relativ schnell eine Ausbildung machen.

Es lag immer an uns Betreuern und vor allem den Jugendarbeitern ihn zu motivieren, aber ihn auch nicht klein zu reden. Er hat ein sehr ausgeprägtes Ego und ist im Kern seines Herzens immer ein herzensguter und sensibler Mensch, auch wenn er hier und da seine Macken hat und auch ganz schön austeilen kann.

Er übernahm in den letzten Jahren auch Verantwortung innerhalb der Jugendarbeit in seinem Heimatbezirk in Hamburg, und fördert seitdem, genauso wie meine Generation ihn und seine Freunde, jüngere Geschwister im eigenen Umfeld, damit sie sowohl eine gute schulische Bildung haben, als auch gute Kenntnisse in ihrer Religion und Kultur. Gerade die Identität der Jugendlichen zu stärken hilft auch sie vor Gefahren wie Extremismus, der sozialen Isolation oder sogar vor dem Abdriften und der Bildung in Parallelgesellschaften zu schützen.

Muhammed hat schließlich noch kurze Zeit später nach der Schule eine Ausbildung bei Blohm + Voss angefangen. Und ich erinnere mich sehr gut, dass er kurz vor Schluss, sich schon wieder mit Selbstzweifeln fertig gemacht hat. Wir diskutierten wie immer, wenn es was wichtiges gibt, darüber wie es für ihn weitergehen sollte, weil der Junge Mann fast schon soweit war ein paar Monate vor den Endprüfungen hinzuschmeißen, weil die Schule ihm erneut viel zu schwer fiel und er auch beruflich keine Perspektive sah, bei einem möglichen schlechten Abschluss.

Glücklicherweise konnten wir ihn überzeugen die Zähne zusammenzubeißen, seine Ausbildung zu beenden und sich auch weiterhin sozial zu engagieren. Er wurde nach der Lehre übernommen und gehört auch zu den aktiven Gewerkschaftern bei Blohm+Voss, die sich für die Belange der Mitarbeiter einsetzen. Er ist jetzt Konstruktionsmechaniker für Schiffbau.

Doch damit ist die Erfolgsgeschichte wahrscheinlich nicht vorbei. Nach ein paar Jahren bei Blohm+Voss will er vielleicht ein Studium aufnehmen. Dafür wird er dann auch entweder die Möglichkeit nutzen ohne Abitur an der Universität Hamburg zu studieren, oder mit der Abendschule das Abitur nachzuholen und dann ein Studium in Teilzeit aufzunehmen.

Es sind solche Geschichten, die in der öffentlichen Wahrnehmung zur Kenntnis genommen werden. Und gerade in diesen Tagen erreichen uns von vielen Schülerinnen und Schülern, von vielen Auszubildenden aber auch von Studenten, positive Rückmeldungen über ihre erfolgreichen Prüfungen.

Gerade wenn man selbst hieran auch mitgewirkt hat, wenn man hier auch unterstützt und beraten, aber auch mal Druck ausgeübt hat, freut es einen umso mehr, dass es nicht umsonst war. Denn gescheiterte Existenzen kann weder die Jugendarbeit gebrauchen noch diese Gesellschaft als Ganzes.

Natürlich gibt es viel positivere – genauso wie es auch negative – Beispiele. Mir war es aber wichtig eine normale und einfache Geschichte zu erzählen und nicht die von einem der Karriere gemacht hat als Entrepeneur nach einem Master-Studium oder von einem der heute Flugzeuge für Airbus baut, nachdem er in Hamburg und Frankreich Flugzeugbau studiert hat. Ebensowenig wollte ich auch nicht über die Frau mit Kopftuch schreiben, die Ärztin geworden ist oder den jungen Mann der mit 22 Jahren bereits Wirtschafts-Ingenier ist oder über die Brückenbauerin, die klein, mit Kopftuch, aber oho ist.

Ich wollte diese einfache Geschichte erwähnen, weil sie so wichtig ist, viel wichtiger sogar als die großen Erfolgsgeschichten um auf einen wichtigen Punkt hinzuweisen. Wir können es uns gerade in Deutschland nicht leisten, einen einzigen Jugendlichen zu verlieren, ihn fallen oder ihn abdriften zu lassen. Wir brauchen alle Jugendlichen und ein Jeder kann und ist ein Teil dieser Gesellschaft – daran arbeiten wir und dafür setzen wir uns ein. Und Beispiele wie die von Muhammed sind dann auch Motivation und Anreiz für andere Jugendliche.

Es ist gerade deshalb so wichtig diese Jugendarbeit, die in vielen muslimischen Gemeinden in Deutschland passiert, zu unterstützen, und auch diese nicht mit fadenscheinigen Argumenten gering zu schätzen oder klein zu reden.

Ich glaube und bin fest davon überzeugt, dass es ohne diese Jugendarbeit in Deutschland ein viel größeres gesellschaftlicheres und sozialeres Problem geben würde. Die Integrationsleistung die hier erbracht wird, braucht aber Unterstützung, denn irgendwann ist es einfach nicht mehr möglich nur mit der ehrenamtlichen Arbeit etwas zu erreichen. Gerade staatliche Stellen sind hier gerne dazu aufgefordert auch endlich finanzielle Unterstützung für solche Projekte (leichter) zu ermöglichen.


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