Integration oder Parallelgesellschaft?

Während viele Muslime immer wieder von Integration und Teilhabe sprechen und sogar behaupten, diese würde es in ausreichender Zahl geben, muss ich immer wieder im Privat-Leben erleben, wie scheinheilig so mancher Muslim und so mancher Verantwortlicher in der Sache ist. Statt tatsächlich echte Integration voranzutreiben, wird eher eine Parallelgesellschaft und Separation vorangetrieben, mit ihren eigenen Regeln und Vorgaben.

Zwielichtige Geschäfte

Ich fuhr gerade in die Innenstadt als mir mein Freund Ahmet wieder in den Sinn kam. Wir treffen uns vielleicht einmal im Jahr, aber er und ich sind seit der Koran-Schule sehr eng befreundet. Also ließ ich Siri für mich während der Fahrt meinen Freund anrufen und fragte wo er denn stecke. Er sei auf der Veddel und spiele gerade Okey (ähnlich wie Rommee). Also lies ich mir die Adresse durchgeben und setzte mich mit an den Tisch.

Neben Ahmet waren auch weitere Freunde von mir mit am Tisch. Während diese nach einer kurzen Begrüßung weiterspielten schaute ich mich im Laden etwas genauer um. Zwei Damen als Bedienung, eine Vielzahl von Leuten, die sonst in der Moschee ein und ausgehen und viel Alkohol an den Tischen in Form von Bier, Wein und Sekt.

Am Tisch von Ahmet und seinen Freunden, die allesamt aus religiösen Familien stammen und allesamt auch die Koran-Schule besucht haben, kein Alkohol. Dafür raucht jedes Mitglied am Tisch und spielt wie ein Voll-Profi ein Stein nach dem Anderen und Runde für Runde durch.

Nach einer Weile habe ich mich dann in die Runde gesetzt und den einen Freund zur Seite gedrängt. Während ich die ersten Runden noch durchweg verloren habe, habe ich das Spiel später an mich gerissen und gezeigt, dass auch ein Nerd nach einer kleinen Weile solche Spiele sehr gut beherrschen und vor allem dominieren kann.

Was anfänglich von den Mitgliedern am Tisch mit: “Du hast aber so ein Glück” betitelt wurde, änderte sich später in ein: “Heftig, wie der spielt.”

Nach den fünf Stunden in denen wir gespielt und über alte Zeiten gesprochen haben, ging ich dann nach Hause. Meine Klamotten stanken komplett nach Rauch und wurden sofort in die Wäsche gepackt. Ein weiterer Grund warum ich sonst solche Läden nicht aufsuche, aber Ahmet ist es mir immer Wert, wenigstens für einen Abend sowas zu ertragen.

Auf der anderen Seite ist der Alkohol-Ausschank in einem solchen Laden, der übrigens auch von einem Türken betrieben wird, das geringste Problem. Vielfach wird an solchen Tischen um Geld gespielt. Es handelt sich oft um Läden in denen Wetten abgeschlossen werden und Unsummen an Geld unter den Tischen den Besitzer wechseln.

Ich kenne genügend Familien die an den illegalen Wetten in solchen Läden gescheitert sind.

Neben diesen sowieso schon schlimmen Aspekten, gibt es dann aber einen weiteren Aspekt, der sich immer dann zeigt, wenn eine Person wie ich einen solchen Laden in einem Stadtteil besucht, in dem man allseits bekannt ist. Mein Vater wurde darauf angesprochen. Interessanterweise waren die Personen, die ihn darauf ansprachen und mich “verpetzten” allesamt Söhne von Imamen. Und zufälligerweise habe ich auch selbst gesehen, wie sie mit an den Tischen saßen und spielten. Ist schon seltendämlich, dass man mit Steinen wirft, wenn man selbst im Glashaus sitzt.

Okey ist derzeit eine der Hauptbeschäftigungen von Türken und auch von Albanern in Deutschland. Es dient nicht nur dazu um illegal Wetten abzuschließen, sondern auch um die Zeit zu vertreiben. Neu ist, dass in solchen Läden, dann nicht mehr nur die klassischen Spiele zu Tee angeboten werden, sondern, dass es jetzt auch Spiel-Automaten gibt, die “staatlich geprüft” sind und einen “Gewinn” versprechen. Im Zuge der Legalisierung von Glücksspiel-Automaten, aber auch Online-Wetten, rüsten sich diese dubiosen Läden auch mit solchen Möglichkeiten auf. Heute ist es nicht mehr nur so, dass man Okey spielt, sondern das man Wetten und Spiele jeglicher Art vorfindet.

Dazu wird man von den Geschäftemachern mütterlich umsorgt. Spielt man am Automaten bringt einem der Händler auch gleich mal einen Toast umsonst mit und setzt den neuen frischen Tee vor – das Alles nur, damit der Spieler ja nicht aufsteht und das Geld-Einwerfen in den Automaten unterlässt.

Glücksspielsucht ist gerade deshalb in sozialen Brennpunkten meiner Heimatstadt Hamburg so weit verbreitet. Die Sucht kommt schleichend und sie wird in den Zentren des Zeitvertreibs etabliert.

Parallelwelt

Ahmet und seine Freunde sind Erhaben über den Vorwurf sie seien nicht integriert. Sie arbeiten in Deutschen Firmen, sind sogar als Filialleiter aufgestiegen und pflegen den geschäftlichen Kontakt und bauen Beziehungen auf. Doch auch sie packt es immer mal wieder das gute alte Okey zu spielen. Dafür können sie ihre Deutschen Freunde nicht einladen, weil das Spiel schon an sich so aufgebaut ist, dass es den türkischen Geist anspricht. Wer bei Okey gewinnen möchte, muss nicht nur gut spielen, er muss seinen Gegner provozieren und ihn in die Falle laufen lassen. Gut bluffen zu können, ist natürlich auch von Vorteil, aber die Provokation des Gegenübers ist Pflicht. Hier wird dann auch deftig herumgeschimpft und man macht sich natürlich über das Versagen des Gegenübers lustig.

Es sitzen an den Tischen durchweg nur türkische Leute an diesem Abend auf der Veddel. Hier zeigt sich wie weit die Parallelwelt eigentlich vorangeschritten ist, und wie vielfältig sie eigentlich in sich ist.

Denn nicht nur areligiöse, sondern auch religiöse finden den Weg zu solchen Läden. Gleichzeitig stehen die Läden in einem schlechten Ruf und werden oft genutzt um Anderen ein mieses Image anzukreiden.

Szenenwechsel: Freunde und ich sind am Wochenende beim Darts spielen in einem Wandsbeker Laden.

Wir spielen Cricket Cut-Throat und Runde für Runde werden wir immer besser. Wir haben Spaß, trinken unsere Colas, Red Bulls und lassen uns natürlich Baked Potatoes oder ein Croques mit Thunfisch bringen. Der Laden ist voll, denn neben der Möglichkeit Darts zu spielen gibt es auch Pool Billard und natürlich meinen Favoriten: Snooker. Die Leute um uns herum Essen Burger, Fritten und sogar Schweine-Schnitzel und trinken Bier. Man wünscht sich gegenseitig viel Spaß beim Spielen, hebt auch mal den heruntergefallenen Dart-Pfeil auf.

Ich poste ein Bild auf facebook, weil es so Spaß gemacht hat, zumal ich schon drei Jahre lang nicht mehr dazu gekommen bin Darts zu spielen, in der Gruppe.

Eine Tresenbedienung kommt nach ein paar Stunden auf uns zu. Sie hat Kurze (alkoholische Getränke) dabei und bietet uns jeweils ein Glas an. Wir schauen uns alle gegenseitig an. Der eine fragt dann ganz höflich: Was sind das für Dinger? Ich interveniere und erkläre: Wir trinken nicht. Herzlichen Dank. Die Bedienung ist irritiert und irgendwie enttäuscht. Geht weg. Kurz wird erwähnt: Wir sind Muslime, und Alkohol ist bei uns verboten.

Plötzlich wird mir klar, wir sind hier irgendwie in der Masse aufgegangen und grenzen uns doch irgendwie ab. Es erinnert mich an die Abende mit meinen früheren Arbeitskollegen. Sie bestellten Bier, ich Cola. Trotzdem konnten wir an einem Tisch sitzen und schnacken. Integration ist, wenn du dich nicht separierst, wenn du Teil der Gesellschaft bist ohne deine Eigenarten abzulegen. Hier aber wirkst du integriert, bist es aber nicht. Wir spielen an der gleichen Stelle wie alle Anderen auch, sind aber anders und in unserer Gruppe trotzdem abgeschirmt.

Verlogenheit und Kritik

Für meine Offenherzigkeit in der Angelegenheit kriege ich immer wieder einen auf den Deckel. Ich bin dagegen sich zu separieren und ich bin dafür, dass man auch mal nicht-muslimische Läden aufsucht. Dafür werde ich immer wieder mal kritisiert. Den Kritikern geht es in der Regel um einen Grundsatz mit einer gewissen islamischen Ansicht: “Was zum Verbotenen führt, ist auch Verboten.”

Das ist eine Denkweise und Lebenseinstellung die natürlich jeder Muslim befolgen sollte. Doch die Grenze, was denn nun zu haram führt ist aus meiner persönlichen Sicht nicht so klar. Nach einer sehr strengen Auslegung war es beispielsweise in Afghanistan während der Regentschaft der Taliban verboten auf Bäume zu klettern, weil man ja von den Bäumen aus einen Einblick auf die Häuser und Zimmer der Menschen haben könnte und dabei ja auch auf eine Nackte Person treffen könnte.

Aber genau dieses komische Weltbild wird an den Tag gelegt, wenn ich mal wieder offenherzig und ehrlich bin. Ich war im Kahve, ich war in einem Darts- und Billard-Salon. Die Kritik ist dann immer das gleiche: Solche Läden solltest du meiden.

Ich geb nichts auf eine solche unerklärte Kritik, ich frag dann immer wieder nach: Wieso? Warum?

Komischerweise sind die Antworten immer gleich: Ja, es führt halt in eine schlechte Welt.

Und wieder Komischerweise hat es mich nicht in eine schlechte Welt geführt. Der Gegenüber versteht weiterhin nicht, dass er sich durch solche Ansichten auch verschließt gegenüber der Gesellschaft. Das ist jetzt keine Einladung dazu jeden Kahve der Stadt aufzusuchen oder Billard- und Darts-Salon. Es ist mehr eine Kritik an dem Denk-Muster. Mein Gegenüber hätte Recht, wenn ich das ständig machen würde. Wenn ich ständig in solchen Etablissments und Einrichtungen bin und so meine Zeit vergeude. Einmal in drei Jahren ist aber aus meiner Sicht verkraft- und vertretbar.

Auf der anderen Seite ist es auch eine gewisse Heuchelei, wenn diese Kritik aufkommt. Ich kenne Darts- und Billard beispielsweise nicht aus Clubs, Pubs und sonstigem. Das erste Mal bin ich mit solchen Dingen in Berührung gekommen als ich als kleiner Junge in einem Jugendlokal einer islamischen Gemeinde war. Komischerweise ist es bis heute kein Problem, wenn in einem Jugendlokal Billard und Darts gespielt wird, aber ein Problem, wenn man dafür in einen professionellen Laden geht.

Das gleiche gilt für Okey. Meine erste Berührung mit diesem Spiel war in der Türkei, in einem Familien-Café. Gleichzeitig erfreute sich das Spiel und erfreut sich heute noch, einem gesellschaftlichen Interesse unter Türken. Wenn auch viele religiöse nicht in die “Kahve” Läden gehen um in dubiosen Kreisen zu spielen, so spielen sie doch in ihrer Freizeit mit der Familie und Freunden hinter verschlossenen Türen. Seitdem zudem soziale Netzwerke existieren, gibt es auch eine Vielzahl an Apps die es Usern erlauben rund um die Uhr mit Leuten aus aller Welt Okey online zu spielen.

Und wieder kommen wir auf das Thema Integration. Wieso versucht man uns Muslime mit der Kritik von der Gesellschaft gänzlich abzukoppeln? Wieso schließt man uns in unsere vier Wände und sieht alles als erlaubt an, solange es in den eigenen Einrichtungen geschieht? Wer ein solches Gedankengut pflegt, fördert Parallelgesellschaften und erschafft sie immer wieder aufs Neueste.

Und nicht nur das. Ich kenne genügend Fälle in denen nicht nur versucht wird, vor dem Aufsuchen solcher Läden zu warnen, sondern auch vor den Gesprächen mit bestimmten Gruppen oder Menschen. Da empfiehlt einer einem das man mit den Salafiten, den Sufis, den Schiiten, den Nurdschus, den Leuten von der DITIB oder der IGMG nicht reden solle. Komischerweise wird dann ständig über diese Gruppen gehetzt, ohne dass man sich mit ihnen und den Protagonisten wirklich auseinandergesetzt hat. Das gleiche Schema wird im Umgang mit Nicht-Muslimen aufgebaut.

Der innermuslimische Dialog wird ständig gefordert, aber er findet quasi kaum statt, weil man sich diesem Verweigert. Genau auf die gleiche Art wird versucht der Integration einen Riegel vorzuschieben. Und Integration heißt eben Teilhabe und Durchmischung. Ich sitze also an einem Tisch mit meinen Arbeitskollegen und ich bin zwar anders, aber ich bin eben einer von Ihnen in der Gruppe und falle dadurch nicht mehr heraus, auch wenn ich was anderes esse, oder trinke.

Und wenn ich nicht mal das Gespräch mit den oben genannten Gruppen suchen kann, wie soll ich dann ihre Fehler benennen? Auf gut Glück? Sich beziehend auf Texte allein? In jeder Gruppe gibt es schlechte Menschen und gute Menschen. Es ist wichtig mit denen den Dialog zu führen, die ihn auch führen wollen. Es ist wichtig mit denen ins Gespräch zu kommen, die auch wollen. Und es ist wichtig, dass diese Gespräche auch wirklich stattfinden.

Ein sehr wichtiger Hinweis an dieser Stelle ist immer der Kampf gegen die Radikalen Kräfte. Wie könnte man diesen Führen, wenn man alle in einen Topf wirft und nicht unterscheidet zwischen Militanten und einfach nur Konservativen?

Ich sehe der Kritik in diesem Sinne gelassen zu, weil sie mich nicht trifft. Sie ist zwar da, und sie wird ständig und immer wieder erhoben werden, aber ich muss das ganze nicht mitmachen und lasse mich von dieser Kritik auch nicht von meinen eigenen Ansichten abbringen. Ich muss mich nicht einem Druck beugen, der künstlich erzeugt wird, um die Separierung festzuschreiben. Ehrliche Kritik hingegen, nehme ich natürlich an.

Das heißt aber nicht, dass ich alles mitmachen muss. Es gibt nunmal Grenzen. Und diese Grenzen sollten wir kennen. Ich kann mich sehr gut in einem Laden wie einer Kahve oder einem Pub beherrschen und komme nicht in Versuchung. Woanders wäre dies aber sicherlich noch einmal bedenkenswert. Natürlich wäre es besser, solche Läden gänzlich zu meiden, aber dann sollte man sich auch gleich fragen, wie das eigene Dasein in Deutschland dazu steht. Wer meint, er müsse sich separieren, und zwar gänzlich, der muss auch einsehen, dass er in veralteten Mustern denkt, die erfordern, dass er hier so schnell wie möglich wegzieht.

Ich habe das längst hinter mir gelassen. Ich fühle mich hier Zuhause, ich lebe meinen Glauben, ich bin aktiv in der Gemeinde-Arbeit, ich bin aktiv in muslimischen Medien, ich arbeite bei einem der größten religiösen Organisationen in Europa, ich gehe mit meinen nicht-muslimischen Freunden auch mal einen drauf machen, ich bin aktiv in der Politik, mische mich ein und ich bin ein Familien-Mensch. Das alles passt zu meiner Identität, die ich nicht nur als muslimisch bezeichnen würde. Ich bin in diesem Sinne ein Hamburger Muslim. Ein anatolischer Hanseat, wie es einst ein Freund ausdrückte.

Es erfordert aber eine Menge Kraft auch mal zwischen den Stühlen zu sitzen und betroffen zu sein. Andere umgehen das, in dem sie sich separieren. Ich kreide das gar nicht an. Es ist ok, es ist ihr gutes Recht, solange sie nicht gegen Grundgesetz und Gesetze verstoßen. Ich muss das aber nicht mehr haben.

Es gab eine Zeit, da war das islamische Leben, und der Gang von meiner Wohnung in die Moschee mein Alltag. Es gab daneben nichts. Es gibt aber um uns herum so viel zu sehen und zu entdecken, dass ich mich frage, wie man ein guter Muslim sein will, wenn man sich nicht einmal den Herausforderungen um uns herum stellen kann oder möchte. Ich sehe das also folglich anders, und habe kein Problem damit, ab und an mal etwas anders zu machen, als meine Glaubensgeschwister. Und dadurch bin ich kein schlechterer Muslim oder Mensch. Ich wäre erst dann ein schlechter Mensch, wenn ich mich selbst verleugnen würde.

Es macht mich nicht kaputt, es stärkt mich eher, weil ich immer wieder mich auch für meine Bestellungen und auch mein Verhalten gegenüber anderen rechtfertigen muss.

“Oh, Herr Sahin? Sie trinken keinen Alkohol? Alles ok? Haben Sie Angst nicht fahren zu können?”

- “Nein Herr Schmidt. Ich bin Muslim, daher verzichte ich drauf.”

“Oh, aber der Simsek von Abteilung 350, der trinkt doch auch?”

- “Der nimmt das aber auch nicht so ernst wie ich.”

Und schon hat man ein Thema, dass den gesamten Abend füllt… Und obgleich Religion heutzutage eher Privatsache ist, beeindruckt es gegenüber immer wieder, wenn sie dann doch mal auf einen religiösen Menschen treffen, der sich mit seinem Umfeld arrangiert hat und so gar nicht dem entspricht, was in den Medien über die Muslime allgemein berichtet wird.


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