Moderne Zeiten: Neue Probleme und Herausforderungen für Muslime

Die Moderne hat viele schöne Dinge hervorgebracht, aber auch Probleme von neuer Natur geschaffen, die man nicht so einfach in den Griff bekommen kann. Dazu zählt bei aktiven Muslimen in der Jugendarbeit auch der Umgang mit Geschwistern, die vornehmlich aus anderen Gruppierungen stammen.

Während Muslime der Vor-Moderne immer den Umgang mit Muslimen anderer Gruppierungen relativ gelassen gesehen haben, hat sich in den letzten Jahren besonders in Deutschland ein Klima der Ignoranz und Verachtung, aber auch des frontalen Angriffs etabliert.

Muslime verschiedener Gruppierungen greifen sich wegen unterschiedlicher Auslegungen massiv an, und diese Angriffe enden oft mit dem Takfir (also damit, dass man den Gegenüber zum Kafir (Ungläubigen) erklärt). Einen Einblick über solche Angriffe unter den Muslimen und den verschiedenen Gruppierungen kann man sich verschaffen, wenn man sich mal bei YouTube “islamische” Vorträge anschaut. Oft geht es in diesen Videos statt um echte Wissensvermittlung und Aufklärung zu einem islamischen Thema immer um einen Frontal-Angriff auf die Meinungen von Gelehrten, Meinungen von Gruppierungen oder Meinungen von Pseudo-Predigern. Dabei achten die Prediger oft darauf, dass sie mit ihren Themen auch ja die Unterschiede zwischen den Gruppen deutlich herausstellen.

Dieses Klima der gegenseitigen Verachtung wird aber auch zusätzlich durch einen Aspekt genährt, den wir seit dem 11. September kennen. Nämlich dem generellen Misstrauen gegenüber Muslimen. Was wir bei der Mehrheitsgesellschaft als “Generalverdacht gegenüber Muslimen” abtun, herrscht in krasserer Form auch bei Muslimen. Mit unterschiedlichen Konnotationen (von Rassismus bis hin zu Pauschalisierungen) und Folgen.

In der Praxis hat sich beispielsweise aus den Grundbedingungen unserer Moderne ergeben, dass in manchen Moscheen bestimmte Personen und Personen-Kreise nicht mehr auftreten und auch nicht mehr predigen dürfen. Der Grund dafür ist einerseits, dass man mit der Meinung der Prediger nicht konform ist, aber auch, dass man vermeiden möchte, durch die Prediger selbst in Verruf zu geraten. So wird natürlich auch zum Selbstschutz in Moscheen zensiert.

In welchem Maße das geschieht, ist immer unterschiedlich. Beispielsweise kann man den Gebetsraum und das Gebet nicht nur für Mitglieder einer Gemeinde einschränken. Die Moscheen sollen ein offener Ort für alle Gläubigen sein und entsprechend auch die Möglichkeit bieten, dass die Leute ihr Gebet darin verrichten. So gesehen heißt das beispielsweise für einen engen Freund von mir, dass er nicht mehr in meiner Moschee predigen darf, weil seine Ansichten einer Minderheiten-Gruppe im Islam zugehörig sind und dem widersprechen, was die Moschee selbst vermitteln möchte, auf der anderen Seite versäumt er aber kein Pflichtgebet in eben dieser Moschee und wird dafür auch nicht gegängelt.

Das ist ein Kompromiss und auch eine Haltung. Mit dieser Haltung können jedoch die meisten der Betroffenen wenig anfangen. Oft wird dann von Verrat an der Ummah gesprochen, Verrat an den Muslimen, aber auch einer Zensur und einem Angriff auf die Meinungsfreiheit. Dabei geht es nur um das eigene Ego und auch das eigene Problem.

Richtig ist: Wenn ein Prediger gegen die Lehren der Moschee-Gemeinde predigt, wenn ein Prediger gegen den Verein predigt, gegen die Verfassung, gegen die religiöse Toleranz und überhaupt die Rechte der Menschen, dann darf er auch kein Mitleid oder Erbarmen in der Sache erwarten. Besonders dreist fand ich einen Prediger, der über eine Organisation herumätzte, weil sie ihn Bundesweit mit einem Auftrittsverbot belegt hat. Dabei hatte er selbst in diversen YouTube Videos gegen die Organisation gehetzt und als Heuchler-Organisation von Muslimen bezeichnet.

Die Opferrolle wird dabei also automatisch eingenommen, gleich so, als hätte man ja gar nichts Böses getan und auch keinen Beitrag für diese Haltung der Gemeinden beigetragen.

Jugendarbeit ist stärker betroffen

Besonders heikel wird die Sache in der Jugendarbeit. Denn obgleich die Jugendarbeit in manchen Moscheen noch in den Kinderschuhen steckt, so ist sie in vielen Moscheen auch sehr gut vorangekommen und in den meisten auch fest etabliert (obgleich fast alle Jugendlokale und Jugendarbeiter über mangelnde finanzielle wie personelle Unterstützung klagen). Hier passiert es dann aber auch, dass man immer mal wieder mit dem Problem der Gruppierungen und des Misstrauens zu tun hat. Die meisten Verantwortlichen wissen meist in solchen Situationen nicht, wie sie handeln sollen.

Vor einiger Zeit kam es in einem Jugendlokal in Hamburg auch zu einem ernsthaften Zwischenfall. Ein junger Mann, arabischer Abstammung, flüchtete wohl vor der Polizei und dachte sich, er versteckt sich am Besten im Jugendlokal der türkischen Gemeinde um die Ecke. Was folgte war, dass mehrere Polizei-Beamte auf der Jagd nach dem Flüchtigen, das Jugendlokal stürmten um den jungen Araber zu schnappen. Gleichzeitig gab es auch eine heftige Beschuldigung an das Jugendlokal man habe einen flüchtigem Täter Unterschlupf gewährt. Der Vorwurf konnte zwar ausgeräumt werden, jedoch musste das Jugendlokal Konsequenzen aus dieser Erfahrung ziehen.

Die Reaktion des Jugendlokals, in dem Kinder und Jugendliche zwischen 14 – 25 Jahren ein uns ausgingen war, dass man ab diesem Zeitpunkt nur noch Mitgliedern den Zutritt zum Lokal erlaubt. Meine Wenigkeit darf beispielsweise jetzt, nicht mal mehr als Gast, da rein, weil ich kein Mitglied bin.

Andere Jugendlokale machten ähnliche Erfahrungen, aber auch Erfahrungen in andere Richtungen. So berichteten im vergangenen Jahr viele Leiter von Jugendgruppen, von einer massiven Werbung aus dem radikalen Spektrum von Gruppen. Diese Werbung um die Jugendlichen passiert dann nicht mehr in den Moscheen, sondern in den Jugendlokalen. Dort gehen Protagonisten der Gruppierungen, die eigentlich laut Staat sogar verboten sein sollen, ein und aus und versuchen Jugendliche abzuwerben.

Viele Jugendleiter mussten auf diese Entwicklung reagieren. Es wurden mehrere Hausverbote für Protagonisten der Szene erteilt. Jugendliche werden zudem seitdem intensiver vor den Gefahren, die von solchen Gruppen und Radikalen ausgehen intensiver gewarnt. Dies hat allerdings auch Auswirkungen anderer Art. Wer in einer falschen Gruppe mit dabei ist, wird stark angefeindet und ausgegrenzt.

Eigene Integrationsleistung fehlt oft

Früher war es einfacher sich abzuschotten als Gruppe. Es schaute Niemand einem auf die Finger, und die Prediger konnten viel erzählen, wenn der Tag lang war. Heute ist es so, dass die Digitalisierung und das Informationszeitalter Möglichkeiten geschaffen haben, in der jede Person – voausgesetzt, sie weiß wo sie suchen muss – auch Fachwissen zum Thema Islam erlangen kann. Die Anfrage an einen Gelehrten kann oftmals entfallen, weil man die Literatur, die der Imam sowieso zu Rate gezogen hätte, digital vor sich liegen hat und nach den Stichworten durchsuchen kann. Auch Google hat einen besonderen Beitrag zu dieser Thematik geleistet.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Denn wie blöd sich der Such-Algorithmus auswirken kann, merkt man schon an den ersten Suchergebnissen auf der Deutschsprachigen Goole-Suchmaske bei dem Stichwort “Islam”. Hier sieht man sehr deutlich, dass neben der Etablierung des Begriffs auch nur die Kräfte auf den oberen Rängen rangieren, die es geschafft haben ein breites Netzwerk und Angebot im Internet für sich zu begeistern. Neben Newsstreams und Islam.de finden sich auch Links zu Websites von Leuten und Organisationen, die gemeinhin als verfassungsfeindlich und radikal bezeichnet werden.

Das bedeutet zwangsläufig, dass die Suche nach dem Stichwort “Islam” auch zu radikalen Websites führt, obwohl dies sicherlich nicht beabsichtigt ist. Da aber gerade für die Beurteilung eines Links auch die technischen Voraussetzungen maßgeblich beitragen, ergibt sich zwangsläufig ein solches Bild. Gute Seiten zum Thema Islam finden sich bei Google oft in den letzten und hintersten Reihen und spielen oft keine wichtige Rolle im deutschsprachigen Raum.

Dies führt leider auch dazu, dass vor allem ungebildete Personen sich Wissen aus falschen Quellen aneignen. Oftmals sind die Quellen sogar ein erster Ansatz zu einer radikalen Auslegung, die auch zu einem Dasein als Radikaler und Extremist führen können. Diese Gefahr wird leider viel zu oft verkannt.

Der neue Typus von Jugendlichen ist genau nach diesem Schema aufgebaut. So bekamen wir letztens Besuch von vier, fünf Jugendlichen, die wir nicht einordnen konnten. Sie setzten sich gleich in den Gebetsraum und schlossen die Tür hinter sich. Natürlich wird man da aufmerksam, weil sich die Leute weder vorgestellt haben, noch bekannt sind. Gleichzeitig kann man sehr schön sehen, dass es im Gebetsraum wohl zu einem Gespräch kommt. Was wird da getuschelt? Was wird das geplant? Sind das Terroristen? Wo bleibt unsere Paranoia?

Im näheren Gespräch, dass dann auch quasi erzwungen wurde, wird dann deutlich was die Digitalisierung vollzieht. Auf Anfrage gaben die Jugendlichen an, dass sie jede Moschee besuchen und keine feste Moschee haben, aber auch von allen Wissen annehmen. Interessant war jedoch, dass sie sich offiziell keiner Gruppe zugehörig erklärten, wobei sehr deutlich wurde, welche Gruppe da wohl im Hintergrund aktiv ist.

Jetzt hätte man diese Jugendlichen komplett abweisen und mit einem Hausverbot belegen können. Stattdessen haben wir in einem kurzen Gespräch zum Ausdruck gebracht, dass unsere Tür für Jeden offen steht, solange er sich an unsere Hausordnung hält und dazu zählt eben auch, dass man sich vorstellt und nicht hinter verschlossenen Türen ein eigenes Programm abhält.

In dieser Situation stellte man sich noch einmal näher vor und Sprach auch die negativen Erfahrungen an, die man in der Vergangenheit mit anderen Gruppierungen und Muslimen gesammelt hat und wies ausdrücklich drauf hin, dass man natürlich gewillt ist alle zu begrüßen, aber eben nur unter der Bedingung, dass man sich an die Regeln hält.

Entsprechend stellte sich bei mir aber auch eine andere Frage. Wie viele Jugendlokale reagieren tatsächlich so, dass sie das offene und klare Gespräch suchen? Interessanterweise sind wir derzeit in einer Zeit angelangt, in der die Distanzierung (das gilt auch für mich selbst) häufiger stattfindet, statt die Integration voranzutreiben.

Jugendliche aus anderen Gruppierungen kommen zu uns in die Jugendlokale und wir schaffen es nicht, sie in unsere Arbeit zu integrieren und auch aus dem Kreis der Rattenfänger und Extremisten zu befreien.

Darüber wird man sich in den nächsten Jahren allerdings noch intensiver Gedanken machen müssen. Denn das Problem dieser Entfremdung von Muslimen untereinander, aber auch innerhalb von Familien und Gemeinden, wird weiter steigen. Hier muss man dann neue Konzepte entwickeln um die Integration in den eigenen Reihen weiter zu stärken. Wie diese aussehen könnten, darüber machen sich viele schon Gedanken, doch in der Praxis taugliche Beispiele gab es bis jetzt nicht wirklich.

Ein erster Schritt ist es allerdings allemal das Gespräch mit denen zu führen, die bis zur Tür des Gegenübers auch gekommen sind. Sie komplett auszuschließen und sich nur in sein eigenes Zimmer und in die eigenen vier Wände einzuzementieren, bringt auf die Dauer nicht viel. Man verliert so eher die Chance Menschen wieder zurück zum richtigen Pfad zu bringen.

So war es dann auch meine Pflicht die Jugendlichen, die angaben nur aus dem Internet sich Wissen anzueignen, auf einen guten Islam-Unterricht in Deutscher Sprache in Hamburg hinzuweisen. Bleibt zu hoffen, dass sie den Rat angenommen haben und ihn befolgen, aber auch dass wir uns noch mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie wir die Jugendlichen wieder eingliedern können, die auf den falschen Weg gekommen sind.


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