Der Auftritt von Horst Seehofer gestern bei Klaus Kleber im ZDF wird als erstaunlicher Blick hinter die Kulissen gewertet. Dabei sollte jedem nach der Sicht des Videos klar sein, dass der CSU-Chef sich so langsam gegen Merkel in Stellung bringt. Anscheinend hat Horst Seehofer die Bevormundung durch die CDU und die FDP satt. Es könnte sogar soweit kommen, dass der CSU-Chef sich als künftigen Kanzlerkandidaten der Union ins Spiel bringt. Anders ist der öffentliche Affront nicht wirklich zu verstehen.
Horst Seehofer (CSU) ist seit Jahren im politischen Geschäft und ein Profi. Jeder weiß, dass der Politiker auch mal kräftig verbal Zuhauen kann, wenn ihm was nicht passt. Wir kriegen diese Reaktionen allerdings nur in inszenierten Reden und manchmal eben auch durch absichtlich gestreute Meldungen in den Medien mit.
Dass das Klima in der Koalition in Berlin nicht mehr so ganz normal ist und es seit Wochen und Tagen einen Streit um das Betreuungsgeld wie auch um den Euro-Kurs der Kanzlerin gibt, ist bekannt. Neu ist allerdings, dass sich Horst Seehofer nun öffentlich und sehr gut kalkuliert in Szene setzt und seiner Kritik damit einen Nachdruck verleiht. Es ist ein öffentlicher Affront gegen die Kanzlerin und ein Zeichen dafür, dass die CSU sich von der CDU und erst Recht von der Kanzlerin nichts vordiktieren lassen möchte.
Die Aufnahmen des ZDF, die man auch hier oben sehen kann, zeigen sehr deutlich, dass Horst Seehofer es satt hat, dass in der Union vor allem das konservative Profil verloren geht. Er sieht sich als einzigen noch legitimen Vertreter dieser Richtung innerhalb der Union und möchte daher auch seinen Führungsanspruch geltend machen.
Dies hat mehrere Gründe. Zum einen schwächelt die CSU in Bayern gewaltig, seitdem bekannt ist, dass die SPD den Bürgermeister von München, Christian Ude, für den nächsten Landtagswahlkampf im Freistaat ins Rennen schicken wird (Ude gilt als ernst zu nehmender Gegner, da er vor allem anders als die Bayern-SPD näher am Volk gesehen wird), zum anderen bringt sich Seehofer damit auch in Stellung als einziger echter Kronprinz in der Union eventuell Angela Merkel zu beerben.
Denn mit dem Abgang von Norbert Röttgen aus NRW, nach seiner blamablen Wahl, hat dieser auch seine Ambitionen auf das mögliche Kanzleramt nach Merkel vertan. Jetzt bringt sich Seehofer in Stellung und macht klar, dass er eigentlich ja alles besser weiß als Röttgen oder eben als Merkel.
Diese Art der hinterlistigen Gängelung von Parteifreunden kann nur dann funktionieren, wenn man große Ambitionen hat. Seehofers Taktik jedenfalls geht auf. Die Netzgemeinde wie auch das Wahlvolk kaufen ihm das Gerede im Video ab. Der CSU-Politiker hat sich nach seiner Missratenen Facebook Party sehr gut positioniert und punktet mit einem Affront gegen die Kanzlerin und gegen die CDU-Führung.
Es kann nur munter weiter heiter werden in dieser Koalition.
NA, so viel Taktik würde ich S. hier nicht unterstellen – ohne die Bemerkung von Kleber wäre das ganze nie öffentlich geworden. Das konnte auch Herr S. vorher nicht wissen … zumindest deutet seine Reaktion in keiner Weise darauf hin.