Vergangenes Wochenende war ich mit ein paar Freunden in Bielefeld und habe am Symposium der IGMG teilgenommen. Um das Symposium soll es in diesem Beitrag nicht gehen (dazu vielleicht etwas später an anderer Stelle einige Anmerkungen), sondern um einen Trip in die Innenstadt von Bielefeld.
Ich bin Raucher. Das ist eines meiner schlimmen Laster, die ich seit jetzt nunmehr 13 Jahren nicht ablegen kann, obgleich es auch immer wieder Phasen in meinem Leben gab, wo ich für Monate, ja sogar ein ganzes Jahr, aufgehört habe mit dem Rauchen.
Doch neben dem Rauchen mag ich es auch in einem ruhigen Ambiente eine orientalische Wasserpfeife zu rauchen. Die Nargile, oder besser gesagt die Schischa ist eine Sache, die ich mir hin und wieder mit Freunden gönne.
Allerdings hat man es als Muslim immer wieder schwer, einen geeigneten Laden zu finden. Mal abgesehen davon, dass das Rauchen auch in vielerlei Hinsicht als islamisch verboten gilt, meiden wir bei unseren Besuchen Läden die Alkohol ausschenken oder die einen verruchten Ruf genießen.
Als wir letzte Woche nach dem Symposium in Bielefeld umherirrten und uns zuerst zum Ausruhen in die Jugendherberge aufmachten, hatten wir schon leicht im Sinn in der Nacht die Stadt zu erkunden. Gegen 0 Uhr sind wir dann auch los und hatten von einer Bekannten ein paar Empfehlungen für einen nettes Café oder auch Wasserpfeife erhalten.
Doch sämtliche Empfehlungen waren für uns nur eine Katastrophe. Das kleine Café in der Innenstadt entpuppte sich als kleines Pub, in dem man zwar sicherlich zur Mittagszeit ruhig einen Café trinken kann, aber in der Nacht, insbesondere in einer belebten Samstag-Nacht, eher gestört wird und nicht in Ruhe klönen kann.
Doch viel schlimmer als diese Empfehlung entpuppten sich die Schischa-Cafés. Der erste Laden zu dem wir dann gingen war von außen unscheinbar, doch innen gab es Karaoke und Bauchtänzerinnen. Ich bin ja nicht gerade leicht umzuhauen, aber gewundert hat es mich schon, wieso man uns gerade diesen Laden empfohlen hat.
Der zweite Schischa-Laden war dann allerdings zwar ruhig, aber es saßen auch nur sehr komisch aussehende Herren drin und vor allem Damen, die äußerlich so wirkten, als wären sie im Rotlicht-Bereich tätig. Ich rede hier nicht mal von aufreizender Kleidung, sondern von der Wirkung des Etablissments.
Auch auf Rückfrage konnte man uns keinen vernünftigen und vor allem normalen und ruhigen Laden empfehlen.
Ich konnte mit dem ganzen noch umgehen, hab es dann halt mit Humor genommen, aber ein paar unserer Begleiter waren sichtlich geschockt und vor allem empört.
Meine Nicht-Muslimischen Leserinnen und Leser werden jetzt vermutlich (vielleicht zu Recht) den Kopf schütteln. Wir hätten uns sicherlich auch in einen der oben beschriebenen Läden setzen können, aber wir waren uns in der Gruppe einig, dass es nicht zu uns passt, an einem islamischen Symposium teilzunehmen und dann nicht auf den Laden zu achten in den wir reingehen.
Wie schnell ein falscher Eindruck entstehen kann, insbesondere auch bei Personen die man dann eher für liberaler hält, wurde mir dann am nächsten Tag klar, als ein Bekannter mir erzählte, er hätte bestimmte Führungspersönlichkeiten und bekannten Muslime in einem Lokal beim Essen gesehen, in dem Alkohol ausgeschenkt wurde. Das Image, dass diese Personen sonst vermitteln wollten, war alleine dadurch schon hin.
Deshalb hat man es besonders schwer. Es gibt einen nicht-öffentlichen aber islam-gesellschaftlichen Druck, der einen, obgleich man keinen Alkohol konsumiert und obgleich man sich islamisch korrekt verhält, dazu quasi zwingt, solche Läden zu meiden.
Ich geh damit noch relativ locker um. Bin ich mit Muslimen unterwegs, und bin ich auf einer islamischen Veranstaltung, halte ich mich auch an die gesellschaftlichen Standards. Das sieht anders aus, wenn mich Deutsche Freunde z.B. zum Kaffee auf die Schanze einladen, oder zur Geburtstagsfete in eine Bar. Da passe ich mich entsprechend an, und jeder achtet mich und respektiert auch, dass ich keinen Alkohol trinke, sondern lieber meine Cola.
Ich hab aber trotzdem nicht verstanden wieso es uns nicht möglich war in ganz Bielefeld einen angemessenen Laden zu finden. Falls da Jemand Empfehlungen hat, immer her damit, ich höre sie mir gerne an.
Die Nacht endete übrigens damit, dass wir in einem kleinen Kiosk Knabberzeug, Chips und Cola besorgten und in der Jugendherberge aktuelle Diskussionen rund um Muslime ausdiskutierten und auch eigene Anekdoten erzählten. So kann man auch Chillen. Die Wassepfeife hab ich dann auch gar nicht vermisst.
Meiner Ansicht nach bewegt sich puritanische Sittenstrenge immer hart am Rand der Heuchelei, des Pharisäertums. Theologisch halte ich sie persönlich für schwierig, weil sie vorgaukelt, Menschen könnten wie Engel sein.
Mitte und Maß sind, wie so oft, wohl das Empfehlenswerteste. So wie du das also mit deinen deutschen Freunden praktizierst. Gibt es im Islam eigentlich die Vorstellung vom armen Sünder ?
Ja, die Vorstellung vom armen Sünder gibt es, obwohl sie nicht fest in die islamische Doktrin verankert ist, gibt es mehrere Strömungen innerhalb des Islam, die dieses Bild von einem gläubigen, der sich ständig als Sünder begreifen und läutern muss. Man findet solche Vorstellungen in bestimmten Richtungen der Schia, die sogar körperliches Leid und Leiden für wichtig im religiösen Leben erachten. Darüber hinaus gibt es auch mystische Gruppierungen, Sufis, die sich vor allem im Kern der Läuterung der Seele verschrieben haben.