Seit letzter Woche habe ich Freitag Abends wieder einen festen Termin. Denn dann heißt es sich aufmachen zum Freitagsgespräch mit Jugendlichen. Und natürlich wären diese Gespräche nicht erwähnenswert, wenn sie nicht so aufschlussreich wären, was die aktuellen Probleme und Fragen von muslimischen Jugendlichen angeht. Ein kleiner aufschlussreicher Einblick in die letzte Woche und einer Interessanten Frage rund um Eau de Cologne mit Alkohol.
Verzweifelte Anrufe – Persönliche Verpflichtung
Muhammed rief in den vergangenen vier Wochen gefühlte 30 Mal an, und jedes Mal gab es nur ein Thema: “Ich brauche einen Lehrer.” – Tatsächlich war die Verzweiflung bei ihm schon sehr gut zu hören. Immer wieder sagten Lehrer für die Freitagsgespräche ab, immer wieder wurden die Freitagsgespräche eher zu notdürftigen kleineren Vorträgen, die nicht das Interesse der Jugendlichen gewinnen konnten.
Irgendwann kommt dann der Punkt wo man in Anbetracht der Lage der Jugendlichen und der Tatsache, dass diese anfangen die Gespräche zu meiden, sich die Frage stellen muss, ob man richtig handelt, wenn man ständig auch absagt, obwohl man es anders machen könnte.
Ich habe mir also ein Herz gefasst und mich für jeden Freitag Abend freiwillig gemeldet. Der Termin steht nun fest in meinem Kalender und es ist ein Neubeginn, sowohl für die Jugendlichen, als auch für mich selbst.
Die inhaltliche Ausrichtung der Freitagsgespräche
Eigentlich sind die klassischen Freitagsgespräche ziemlich strikt geordnet. Eigentlich wird nur das Thema Islam behandelt und eigentlich sollte ich mich auch dran halten. Doch mir geht es nicht nur darum, ein gewisses Islamisches Wissen zu vermitteln, sondern vielmehr darum mich den Problemen und den Sorgen der Jugendlichen zu widmen, ihre soziale Ader zu stärken und zu fördern. Natürlich gehört ein Basiswissen über den Islam und überhaupt der Islamischen Geschichte dazu, aber ohne eine soziale Komponente wären solche Veranstaltungen aus meiner Sicht immer eine gewisse Verschwendung.
Glauben und Arroganz
So ging es bei meinem ersten Termin natürlich um das Thema Aqida (Glaubenslehre). Und natürlich haben wir uns erst einmal darüber unterhalten was eigentlich Religion ist, was göttliche Religionen voneinander unterscheidet und was der Kern-Unterschied zwischen dem Islam und anderen Religionen ist. Ich habe mich da strikt an die klassische Lehre gehalten. Die Fragen der Jugendlichen waren interessant, gaben sie doch klar Aufschluss darüber, dass sie sich dieser Frage nie gestellt haben, aber auf der anderen Seite es auch sehr genau nahmen und vor allem mehr Wissen wollten.
Was hier erfolgen musste und erfolgte war vor allem die Klärung eines Sachverhalts. Dadurch, dass Jemand Muslim ist, ist er nicht höher gestellt oder etwas besonderes. Stolz ist eine Eigenschaft, die den Teufel einst stürzte, und ebenso kann der Stolz, den einige Muslime an den Tag legen, weil sie sich eben auf den Islam berufen, auch deren Untergang sein. Wir sehen dies immer öfter bei arroganten Muslimen, die anderen Menschen aufgrund ihres Glaubens die Hölle voraussagen. Nur Allah weiß, wer in der Hölle landet und wer nicht, und letztendlich kann ein solches Verhalten nur als arrogant und überheblich bezeichnet werden. Wir wissen schließlich nicht, ob unser Gegenüber nicht doch eines Tages zum Islam findet, und eben auch nicht, ob der Muslim, der vorgibt einer zu sein, wirklich gläubig ist und auch nur gute Taten verrichtet. Ebenso kann Niemand voraussehen ob ein Muslim auch immer ein Muslim bleibt.
Gerade dieser Punkt ist immer ein Punkt, der nicht genug Erwähnung im klassischen Unterricht findet. Die Arroganz, als ein Faktor des persönlichen Niedergangs. Und natürlich wurde hier auch die Geschichte zwischen Allah und dem Teufel dann erläutert. Es zeigte sich bei den Jugendlichen, dass sie allesamt gänzlich diesbezüglich nur mit Halbwissen bis hin zu Mythen und Sagen vollgestopft waren. Sie waren leider nie an die Quelle, den Qur’an al Karim gegangen, um die Geschichte einmal selbst zu lesen, einmal zu versuchen, sie selbst zu verstehen. Hier herrschte akuter Nachholbedarf und das wurde dann auch getätigt.
Essen, Trinken und ein sehr lockeres Gespräch
Nach dem Unterricht verabredeten wir uns alle an diesem Freitag in der Centrum-Moschee der Veranstaltung des IJB (Islamischer Jugendbund) teilzunehmen. Diese Freitags-Gespräche, die als “Huzur Sohbeti” (Gespräche zur Glückseligkeit) bezeichnet werden, sind immer eine schöne und willkommene Abwechslung.
Ebenso gibt es im Anschluss an diese Veranstaltung auch noch einen kleinen Henna Abend für den Bruder Muhammed, der am kommenden Sonntag sein Junggesellen-Dasein hinter sich lässt und den Bund fürs Leben schließen wird. An dieser Stelle, natürlich die besten Grüße an das Brautpaar und den Wunsch, dass Allah (swt) diese Ehe segnen möge.
Auf jeden Fall aßen und tranken wir schließlich von den köstlichen kleinen Häppchen, die uns vom Hausherren (Freitagsgespräche finden immer abwechselnd bei einem der Geschwister statt) vorgesetzt wurden. Natürlich öffnete ein Thema das Andere und schließlich kamen auch ein paar Jugendliche mit der Sprache raus, was sie an persönlichen Fragen haben und ob ich denn eine Antwort dazu hätte.
Alkoholverbot im Qur’an
Interessanterweise waren es noch keine wirklich schwierigen Fragen. Der eine junge Mann schließlich, stellte eine interessante Frage. Er gab an, dass er immer nach dem Wudu (Gebetswaschung) dazu neigt Eau de Cologne (auf türkisch: kolonyağı) aufzutragen. Er wollte wissen, ob seine Gebetswaschung und sein Gebet darunter leiden, wenn er Eau de Cologne aufträgt, dass Alkohol enthält.
Eine sehr interessante Frage, auf die ich versprach erst in der kommenden Woche eine klare Antwort zu geben, wobei ich aber schon eine gewisse Tendenz durchblicken ließ. Hintergrund für mein Zögern war vor allem gewesen, dass es sich gehört, dass man in der Argumentation auch nachvollziehbar erklärt, welche Meinung wohl die Richtigere ist. Eine neue Fatwa erfinden oder gar ableiten wollte und werde ich nicht, da dies die Aufgabe der Gelehrten ist. Ich bin aber Jemand, der sich den Zugang zu den Fatwas immer offen hält und gerade im Informationszeitalter auch von den vielen vielen Fatwas profitiert.
Zunächst einmal, der Konsum von Alkohol als Genussmittel, also das Trinken von Alkohol ist grundsätzlich durch den Qur’an al Karim verboten worden. Dies geschah in einer gewissen zeitlichen Abfolge. Hierzu muss man den historischen Kontext verstehen. Mekka und Medina waren Orte des Genusses. Alkohol, in der damaligen Form von trübem Wein, war das Lieblingsgetränk der Araber. Das Verbot für den Genuss von Wein erfolgte daher in kleinen Schritten. Daher auch die wiedersprüchlichen Verse, die aber chronologisch so aufgeteilt werden müssten um das Verbot von Wein nachzuvollziehen:
Und an den Früchten der Palmen und Rebstöcke, von denen ihr berauschende Getränke und gesunde Speise bekommt. Seht, darin ist wahrlich ein Zeichen für einsichtige Leute.
Qur’an al Karim, Sura Nahl, Vers 67
Sie werden dich befragen nach dem Wein und dem Glücksspiel. Sprich: »In beidem liegt großes Übel und Nutzen für die Menschen. Ihr Übel ist jedoch größer als ihr Nutzen.« Und sie werden dich fragen, was sie spenden sollen. Sprich: »Das Entbehrliche.« So macht euch Allah die Botschaft klar. Vielleicht denkt ihr nach.
Qur’an al Karim, Sura Baqara, Vers 219
O ihr, die ihr glaubt! Nähert euch nicht angetrunken dem Gebet, bis ihr wißt, was ihr sagt, und auch nicht von Samen befleckt, bis ihr euch gewaschen habt, es sei denn, ihr seid auf Reisen. Seid ihr krank oder auf Reisen oder einer von euch kommt vom Austreten oder ihr habt eine Frau berührt und findet kein Wasser, dann nehmt dafür guten Sand und reibt euer Gesicht und euere Hände ab; siehe, Allah ist nachsichtig und verzeihend.
Qur’an al Karim, Sura Nisa, Vers 43
O ihr, die ihr glaubt! Siehe, Berauschendes, Glücksspiele, Opfersteine und Lospfeile sind ein Greuel, Satans Werk. Meidet sie, auf daß es euch wohl ergehe.
Qur’an al Karim, Sura Maida Vers 90
Alkohol Unrein?
Einige Muslime sind, obgleich dieser offenkundigen Verse, der Auffassung verfallen, dass nicht nur das Trinken von berauschenden Mitteln als haram (also verboten) gilt, sondern dass Alkohol auch grundsätzlich als Unrein zu betrachten ist. (Besonders die Schaafiitische Madhab sieht alles was Alkohol enthält eher als Haram an, dies geht auf Imam Schafii zurück)
Diese Meinung ist durchaus zu begründen, stellt aber heutzutage eher eine Mindermeinung dar, da sie nicht klar genug den Sachverhalt trennt, sondern grundsätzlich alle Formen von Alkohol verbietet. Dies könnte man konsequent nennen, dies ist aber eher kontraproduktiv. Gerade aus der quranischen Offenbarung geht schon hervor, dass es eben um den berauschenden Effekt des Alkohols ankommt um ihn als für den Genuss verboten zu erachten. Dies bedeutet aber noch nicht, dass man Alkohol als Unrein bezeichnen kann.
Die Gelehrten stimmen allerdings in einem Punkt überein. Fest steht, dass heutzutage Genuss-Alkohol nicht wie zu Zeiten des Propheten (saw), ausschließlich durch Weintrauben hergestellt wird. Gerade Wein, dass aus Weintrauben hergestellt wird, galt als Unrein, wegen seiner Trübe und Herstellung. Heutzutage wird Alkohol jedoch (Ausnahme ist wieder Wein aus Trauben) nicht so produziert wie bei der klassischen Wein-Herstellung.
Klassischerweise ist heutzutage mit Alkohol oftmals Ethyl-Alkohol in verdünnter Form gemeint. Dabei handelt es sich im Grunde um eine klare und durchsichtige Flüssigkeit, die einen würzigen Geruch verbreitet, berauschend wirken kann und keimtötend wirkt. Ethyl-Alkohol ist auch der Stoff, der in türkischem Eau de Cologne zum Einsatz kommt. In diesem Fall gilt der Alkohol auf der Haut aber auch auf der Kleidung, nicht als Unrein, obgleich das Trinken dieses Alkohols weiterhin religiös verboten ist.
Der Alkohol in Eau de Cologne verfliegt zudem sehr häufig. So kann man argumentieren, und dass wird häufig so gemacht, dass der Gebrauch kein Problem darstellt, da er nicht zu einer Aufhebung des Wudu (Gebetswaschung) und der Reinheit vor dem Gebet führt. Vielmehr hat Eau de Cologne die Wirkung, dass mit ihm sowohl Keime getötet werden, als auch die körperliche Reinheit gestärkt wird.
Allerdings darf man nicht vergessen, dass dies nicht bedeutet, dass man sämtliche Formen von Alkoholischen Mitteln als rein bezeichnen kann. Beispielsweise wäre Bier (das meist aus Hopfen und Malz hergestellt wird) auf der Kleidung eher als Unrein zu bewerten, da er vor allem eine klebende und klumpige Wirkung auf der Kleidung entfaltet, ebenso wie einen unangenehmen Geruch. Das gleiche gilt auch für Wein, dass klassisch hergestellt wird.
Dies sind also immer wieder Kernpunkte der Betrachtungsweise. In Eau de Cologne verarbeitetes Ethyl-Alkohol kann nicht von vornherein als Unrein eingestuft werden, auch kann nicht jedes Eau de Cologne gleich als rein bezeichnet werden. Es kommt vor allem auf den Geruch, die Flüssigkeit und deren Beschaffenheit ein. Klares Eau de Cologne dürfte daher benutzt werden, ohne dass es die Gebetswaschung oder das Gebet verhindert.
Quellen:
Serahsi, Mebsut, 24/14-15
Ceziri, 1/19; Mehmed Keskin, Büyük Şafi İlmihali, s. 504
Hak Dini Kur’an Dili, I, 762-763
Macht es euch einfach, aber auch nicht zu einfach!
Allerdings gibt es eine einfachere Lösung und diese wurde von mir dann auch bei den Jugendlichen als favorisierte Meinung erklärt. Nach der Gebetswaschung gleich beten, dann Eau de Cologne benutzen. Wirkt meistens sogar erfrischend und belastet nicht das persönliche Gewissen.
Was nämlich viele Muslime auch immer wieder vergessen ist, dass zwar eine Fatwa (ein islamisches Rechtsgutachten) etwas ist, was man befolgen kann, aber eben nicht muss. Fatwa stellen heutzutage eine Meinung dar zu einem Problem, dass sich nicht eindeutig aus Qur’an und Sunna lösen lässt. Solche Rechtsgutachten beziehen sich oft auf schon gelöste Probleme und geben dazu antworten. Allerdings ist zu beachten, dass diese Rechtsgutachten auch oftmals eine Erleichterung bieten sollen. Es obliegt dem Gläubigen selbst ob er diese Erleichterung wirklich für sich als richtig erachtet.
Daher sind Fatwas immer mit Vorsicht zu genießen. Es heißt nicht umsonst takwa (wird oft mit Gottesfurcht übersetzt, meint aber eher Gottgefälligkeit) ist wichtiger als fatwa. Und tatsächlich, sollte man es sich nicht zu einfach machen.
Wallahu Alem (Und Allah weiß es am Besten!)
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