Meinung: Das Festhalten an Stühlen bedeutet nicht, dass man am Seile Allahs festhält…
Im Qur’an al-Karim heißt es in ungefährer Deutscher Übersetzung: “Und haltet euch fest am Seile Allahs, und spaltet euch nicht!” [3:103] – Es ist ein Aufruf an die Muslime zusammenzuhalten und sich nicht in unterschiedliche Lager und Gruppen zu verschanzen. Wir kennen heute viele Gruppen, die lieber spalten, als zu verbinden. Als Maßstab nennen diese [...]
Im Qur’an al-Karim heißt es in ungefährer Deutscher Übersetzung: “Und haltet euch fest am Seile Allahs, und spaltet euch nicht!” [3:103] – Es ist ein Aufruf an die Muslime zusammenzuhalten und sich nicht in unterschiedliche Lager und Gruppen zu verschanzen. Wir kennen heute viele Gruppen, die lieber spalten, als zu verbinden. Als Maßstab nennen diese Gruppen immer den Qur’an und die Sunnah des Propheten (saw). Wir sollten sie also nach diesem Maßstab beurteilen und das Ergebnis dürfte sehr klar ausfallen.
Der Islam erlaubt keine Extreme. Er empfiehlt den Weg der Mitte. Und diese Empfehlung ist als eine Richtschnur gedacht, die uns auf einem geraden Weg führt bis zu unserem Tod und unserer Wiederauferstehung.
Wenn Allah (swt) zu uns durch den Qur’an al-Karim spricht und uns sagt: “Und haltet euch fest am Seile Allahs, und spaltet euch nicht!”, dann ist das eine offenkundige Botschaft wie auch eine Warnung.
“Und haltet euch fest am Seile Allahs” bedeutet haltet fest an der Religion Allahs.[1. 1. At-Tafsir, Amir Zaidan] Der Gelehrte Maududi erläutert uns zu diesem Vers in seinem Koran-Kommentar Tafhimul Qur’an sehr deutlich, dass es nicht nur um die Religon Allahs geht, sondern um eine islamische Lebensweise. Das Seil Allahs ist die von Allah bestimmte islamische Lebensweise. Es ist ein Seil, weil es das Verhältnis zwischen den Gläubigen und Allah als auch das Verhältnis unter den Gläubigen festigt, stärkt und stärker verbindet. Das festhalten am Seile Allahs verbindet die Gläubigen als eine Gemeinschaft, Umma.[2. 2. Tefhimul Qur'an, Maududi, Erläuterungen zu Sura 3, Vers 103)]
Maududi erläutert bezüglich dieses Verses weiter, dass die Muslime dem Weg Allahs den größten Wert beimessen müssen, den es git. Ihr Alltag wie auch ihr gesamtes Leben muss den Islam und seine Grundlagen im Zentrum haben. Sie müssen sich darum bemühen ihre Religion angemessen zu vertreten und angemessen zu repräsentieren. Dies bedeutet aber auch, dass sich die Muslime untereinander unterstützen müssen, um ihre Religion angemessen zu repräsentieren. Gerade der Aspekt des Dienens für die Gemeinschaft muss bedeuten, dass man sich gegenseitig unterstützt und keine Steine in den Weg legt.
Gerade letzterer Aspekt ist auch ein Punkt, der viele Völker und Gruppen vor dem Islam ereilt hat. Sie haben nicht in der Art und Weise am Seile Allahs festgehalten, wie es sich gehört hat. Sie haben statt der Gerechtigkeit der Ungerechtigkeit einen Stellenwert gegeben und damit ist es zu Spaltungen innerhalb dieser religiösen Gruppen gekommen.
Warum erzähle ich hier diese Dinge?
Zum Einen weil ich schon länger vorhatte zu diesem Thema etwas zu schreiben, zum Anderen, weil ich in letzter Zeit ein Verständnis über den Islam bei vielen Muslimen sehe, dass nicht angemessen ist. Es geht mir dabei nicht mal mehr um ihre islamische Lebensweise (das ist weiterhin ihre private Angelegenheit, für die sie sich selbst rechtfertigen müssen). Es geht mir vielmehr um den organisierten Islam und eine Krankheit, die sich ständig und immer weiter entwickelt und breit macht.
Ein Gespräch, mit einem Bruder, über twitter, brachte mich also auf die Idee, diesen Artikel endlich zu veröffentlichen.
Es geht mir darum, dass Posten und Positionen in Organisationen heute leider oft von Personen belegt werden, die später an ihren Stühlen kleben bleiben. Dies kann und sollte nicht der Anspruch des Muslims sein. Er sollte vielmehr den Anspruch haben, dass er seine Arbeit solange macht, wie es nötig ist. Er sollte vielmehr den Anspruch haben, dass er seine Arbeit nur solange macht, solange es nicht einen anderen Kandidaten gibt, der vielleicht besser geeignet ist.
Unsere Krankheit in den Organisationen des Islam in Deutschland besteht heute darin, dass wir nicht mehr unsere Stühle räumen möchten, obwohl es bessere Kandidaten für einen Job gibt. In dieser Hinsicht, sollten wir fern von persönlichen Diskrepanzen und persönlichen Ideen uns darauf verständigen, dass wir nicht kleben bleiben an Positionen und Stühlen.
Gestern hatte der Bruder eine gewisse Panik, weil ein junger Muslim seinen Abschluss gemacht hat und nun wohl mit seinem Diplom in seinen Bereich vorstieße. Fürchten wir uns also mehr darüber unseren Stuhl zu verlieren, als darüber, ungerecht zu handeln?
Ich habe gestern also wieder ein nettes Gespräch gehabt und meine Sicht der Dinge dargestellt, dabei bin ich aber auch indirekt davon ausgegangen, dass der Bruder die Bedeutung des obigen Verses genauso verinnerlicht hatte wie ich. Vielleicht hab ich zu viel vorausgesetzt, vielleicht hab ich ihm auch etwas unrecht getan. Aber im Grunde ist dieser Beitrag sowohl für ihn, als auch für mich.
In meinem bescheidenen und kurzen Leben habe ich viele Fehler gemacht. Dazu gehört auch, dass ich mich an bestimmte Positionen und bestimmte Aufgaben bis zum Schluss heftigst geklammert habe. Jedoch wurde ich nie glücklich damit. Ich bin immer nur dann glücklich mit einer Position gewesen, wenn ich sie nicht gewollt habe. Denn erst dann habe ich auch meine Pflicht auch in dem nötigen Pflichtbewusstsein getan.
Da ich noch weiß, dass einige Geschwister hier mitlesen, die jedesmal sich fragen ob ich das ernst meine oder nicht. Ich meine es sehr ernst. In letzter Zeit denke ich gerade häufiger über die Zukunft nach. Und in diesem Sinne macht es mir keinen Spaß über die Dinge zu spekulieren. Ich möchte aber, dass jeder Einzelne weiß, dass ich Niemandem nachtragend gegenüber bin, der sich entschließt mir eine oder gleich alle Positionen abzunehmen. Ich mache hier meinen Job solange, wie es die da oben möchten und nur solange, solange es keinen besseren Ersatz für mich gibt, den ich selbst oder andere vorschlagen können.
In diesem Sinne, und Wallahu Alem (Allah weiß es besser).
19. Februar 2012, Akif Sahin

Kennt sich aus mit den Themen Internet, Islam, Medien und Politik. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. Ist seit Jahren in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.



