Saudi-Arabien: Hamza Kashgari droht die Todesstrafe

Es ist immer betrüblich, wenn einem Menschen die Todesstrafe droht. In den meisten Fällen, kann man so etwas weder verstehen, noch gutheißen. Sicher, ich bin kein Mensch, der die Todesstrafe gänzlich ablehnt… Ich halte sie für Kinderschänder, Vergewaltiger, Drogenhändler und Massenmörder durchaus für gerechtfertigt und vertretbar. Aber etwas ganz anderes sind solche Fälle, in denen Menschen aufgrund ihrer geistigen Einstellung oder ihrer religiösen Wahl der Tod droht. Ich halte es z.B. für Wahnsinn einem Menschen die Todesstrafe anzudrohen, weil er drei kritische Tweets über Twitter von sich gegeben hat.

Was sich anhört wie ein schlechter Scherz ist im Fall Hamza Kashgari Wahrheit geworden. Auf seinen Fall machte uns in Deutschland Chrystoph Sydow von Alsharq.de aufmerksam. [1. Der saudische Journalist Hamza Kashgari: Satanische Tweets]

Hamza Kashgari war noch bis vor kurzem ein eher unbekannter und junger aufstrebender Journalist bei einer Zeitung im Königreich Saudi-Arabien. Am Maulid an Nabi, dem Geburtstag des Propheten, den vor allem türkische und schiitische Muslime feierlich begehen, hat Kashgari über den Micro-Blogging Dienst Twitter drei Tweets in die Welt gezwitschert.

Tweet Nummer 1: „An deinem Geburtstag werde ich sagen, dass ich den Revolutionär in dir liebte, der mich immer inspirierte. Aber ich mag den Heiligenschein nicht. Ich bete dich nicht an.“

Tweet Nummer 2: „An deinem Geburtstag sehe ich dich, wohin immer ich mich wende. Ich werde sagen, dass ich Dinge an dir liebte, Dinge hasste und viele andere Dinge nicht verstand.“

Tweet Nummer 3: „An deinem Geburtstag werde ich mich nicht vor dir verbeugen, nicht deine Hand küssen. Ich werde sie schütteln wie ein Ebenbürtiger und dich so anlächeln wie du mich anlächelst. Und ich werde mit dir nur so sprechen wie mit einem Freund…Mehr nicht.“

Diese drei eher kritischen Tweets sind jetzt der Grund warum eine Masse von Menschen in Saudi-Arabien den Tod von Kashgari fordert. Radikale Fundamentalisten, die sich sonst einen Dreck um den Geburtstag des Propheten (saw) kümmern, fordern die Enthauptung von Kashgari. Sie übten so gewaltigen Druck aus, dass die Regierung von Saudi Arabien mit Haftbefehl und per Interpol nach Kashgari fahndete und seine Auslieferung aus Malaysia erwirkte.

Dem Journalisten droht nun die Todesstrafe. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es bei den Radikalen in Saudi-Arabien Kräfte gibt, die so viele Massen bewegt haben, wie selten zuvor. Selbst bei den Protesten wegen der Karikaturen in Dänemark gab es weniger Aufregung als jetzt bei Kashgari.

Der Aufstand der Radikalen ist allerdings auch ein Eingeständnis ihrer Selbstverleugnung. Wahhabiten feiern den Geburtstag des Propheten (saw) nicht und bezeichnen Muslime, die das doch tun, oftmals als Ungläubige und bedrängen sie. Das Feiern des Geburtstags des Propheten (saw) wird von ihnen als eine unerlaubte Neuerung (Bid’a) bewertet.

Es ist daher umso schärfer zu hinterfragen, was hinter diesem Protest steckt. Einige Beobachter werten die Aktionen als neuerlichen Versuch der radikalsten der Radikalen in Saudi Arabien vor allem liberal eingestellte und auch kritische Muslime zum Schweigen zu bringen.

Das Ganze erinnert sehr stark an die Bestrebungen radikaler Christen, die vor Abtreibungskliniken protestieren und oftmals auch nicht davor zurückschrecken Ärzte, die Abtreiben, zu erschießen.

Die geistigen Brandstifter sind auf beiden Seiten Menschen, die sich auf die religiösen Texte berufen und diese absichtlich falsch auslegen um Exempel zu statuieren und den Menschen, die ihre Meinung nicht teilen, Angst und Schrecken einzujagen.

Nirgendwo steht geschrieben, dass einem Muslim die Todesstrafe zusteht, nur weil er imaginäre Gespräche mit dem Propheten (saw) über twitter führt. Es ist krank solche harmlosen Gedankenspiele derart vergelten zu wollen. Es ist peinlich – gerade für Muslime – dass solche Forderungen überhaupt erwogen und dann publik und öffentlichkeitswirksam platziert werden.

Kashgari ist ein Opfer des Systems in Saudi-Arabien. Er ist aber auch ein Opfer von uns Allen. Wir alle haben immer noch nicht verstanden, dass die Meinungsfreiheit von uns allen vertreten werden muss. Muslime müssen sich auch zu Wort melden und eine Freilassung von Kashgari fordern – nicht aus Solidarität, sondern aus Pflichtbewusstsein gegenüber einem Menschenrecht, dass in unserer eigenen Religion sehr kostbar ist.

Blöd in der Ecke rumzustehen und allem nur ein Schulternicken zu geben, sich nicht mit dem Schicksal der Menschen zu beschäftigen, kann nicht das Ideal von Muslimen sein. Es würde beispielsweise schon reichen ein paar Zeilen Text an die hiesige Botschaft von Saudi-Arabien zu schicken – genauso wie es auch legitim wäre für die Freilassung von Kashgari vor der Botschaft zu demonstrieren.

Es ist aber auch wichtig, dass der Deutsche Staat sich hinter solche Forderungen, für die Meinungsfreiheit im Einzelnen und für Kashgari im Besonderen, einsetzt. Den Regierungssprecher Stefan Seibert fragte ich einfach mal über Twitter, was eigentlich die Bundesregierung in dem Fall macht und generell überhaupt. Er antwortete, dass sowohl die Bundesregierung als auch die EU Menschenrechtsverletzungen in Saudi Arabien immer wieder ansprechen. [2. Twitter Status]

Das ist richtig so. Aber wäre es nicht wünschenswert, dass man gerade jetzt, wo man auch gute Beziehungen zu Saudi-Arabien unterhält, man denke an den Panzerdeal mit dem saudischen Staat, das Land dazu auffordert mit einem solchen Unsinn aufzuhören und Menschen aufgrund ihrer Meinung und geistigen Einstellung nicht verfolgt?!

Ich erhoffe mir, dass wir alle dazu beitragen, dass ein Mensch, der eine andere Meinung hat, die Möglichkeit auch erhalten sollte, diese zum Ausdruck zu bringen. Toleranz und Respekt sind das Stichwort, dass auch bedeutet, mit der Meinung des Gegenübers leben zu können, ohne ihm das Recht auf Leben und seine eigene Meinung abzusprechen. Wir müssen alle miteinander auskommen und uns dafür auch engagieren. Nur so kann die Zukunft für die Welt auch eine gute Zukunft sein.

11 Gedanken zu „Saudi-Arabien: Hamza Kashgari droht die Todesstrafe

  1. Fred

    Sie wollen Argumente, Herr Sahin? Unrecht lässt sich nicht mit Unrecht, und Blut nicht mit Blut vergelten. Wer die Todesstrafe fordert, hat nie etwas von Menschlichkeit gehört. Sollen wir uns auf das Niveau der Täter herab begeben? Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter.

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    1. Akif Sahin Artikelautor

      Ne das nicht, aber wie soll man denn sonst mit Gefährdern für die Gesellschaft umgehen? Die Gerichte schützen diese Täter ja immer noch, in dem sie beispielsweise die Sicherungsverwahrung aufhebeln oder gleich für nicht “menschenwürdig” erachten. Aber wie soll der Schutz der Gesellschaft vor Monstern gelingen? Ich sehe das kritisch. Ich hinterfrage das System auch und finde, dass Amerika das durchaus richtig macht, ohne sich der Lächerlichkeit eines Täterschutzes preis zu geben… Die andere Frage ist dann auch, ob man tatsächlich zu einem Monster wird, wenn man einem Monster einen fairen Prozess zugesteht und am Ende dieses fairen Prozesses sowohl eine Haftstrafe als auch eine Exekution mit humanen Mitteln (Giftspritze) zugesteht. Und ich finde das durchaus nicht vergleichbar. Gerade Europa hat leider durch seine Geschichte angeblich dazu gelernt. Es hat seinerzeit so oft und so bewusst gemordet, dass es irgendwann nicht mehr die Kontrolle darüber hatte. Ich sage nicht, dass jeder dieser Verbrecher die Todesstrafe verdient, aber sicherlich sollte man darüber nachdenken, ob es Sinn macht, einem Menschen, der sich nicht bessern wird, der sich nicht in diese Gesellschaft einfügen wird, bei dem auch keine Therapie helfen wird, sowohl die Kosten als auch die beschämende Traumatisierung der Opfer zumuten möchte oder nicht.

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      1. Fred

        Die Todesstrafe auszuüben birgt immer das Risiko jemand unschuldiges hinzurichten. Können sie mit diesem Risiko ernsthaft leben?

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        1. Akif Sahin Artikelautor

          Das ist richtig, dass sollte man durchaus nicht auf die leichte Schulter nehmen und ich denke da auch nicht daran, im Zweifel die Todesstrafe zu fordern. Wir sehen ja an den Beispielen der USA aber auch sogenannter “islamischer Länder”, dass dies nicht garantiert werden kann und auch oftmals gar nicht beabsichtigt ist. Ich spreche aber hier von krassen Fällen, wo die Beweislage eindeutig ist. Ich hätte in der Angelegenheit durchaus bedenken, ein Ethikrat oder eine Kommission z.B. die sich jeden Einzelfall noch einmal unter die Lupe nimmt und auch schaut, ist der Täter eventuell wirklich reuig und besteht die Möglichkeit, dass er sich geändert hat. Ich denke mit solch einem Aufwand (der rein vom Nutzen her durchaus besser sein dürfte) wäre das Risiko einen Unschuldigen zu töten auch sehr minimiert. Natürlich heißt das nicht, dass das gelingt, wenn das System, dass dies anwendet selbst korrupt ist. Da sehe ich weiterhin in bestimmten Staaten und Ländern dieser Welt Probleme…

          Ich mache mir da auch im Übrigen nichts vor. Das Grundgesetz der Bundesrepublik verbietet eine solche Bestrafung. Das heißt aber nicht, dass ich trotzdem diese Meinung haben darf. Ich hüte mich aber davor, die Gesetzgebung nicht zu kritisieren. Ich wünsche mir gerade in Deutschland eine härtere Bestrafung der Täter und wenn überhaupt, dann ein echtes Wegsperren. Es betrübt mich zutiefst, jeden Tag in den Zeitungen über neue Vergewaltiger und Kinderschänder zu lesen, die erneut, obwohl vorbestraft, ein Opfer gefunden haben…

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          1. Fred

            Ich kann ihren Missmut bezüglich immer wieder auftretender Verbrechen dieser Art (Mord, Kindesmissbrauch) durchaus verstehen. Dann müssten sie aber auch viele Verbrechen in der islamischen Welt verurteilen. Zwangsehen, Ehrenmorde und ähnliches. Ich will damit nicht den Islam als solches schlecht reden. Das Christentum ist da auch nicht besser – nur das es so etwas in dem heutigen Christentum in dieser Form nicht (mehr) gibt. Damit möchte ich ihre Religion nicht verunglimpfen oder beleidigen. Nichts würde mir ferner liegen. Aber es ist nun mal die harte Realität, dass solcherlei Verbrechen in vielen islamischen Ländern noch an der Tagesordnung sind. Wie stehen sie dazu? Aber um auf die von ihnen geforderte härtere Bestrafung zurück zu kommen: das kann ich durchaus unterstützen. Aber niemals in Form der Todesstrafe. Die USA sind kein Land an dem man sich als moderner Staat ein Beispiel nehmen sollte. Aber ebenso wenig Saudi-Arabien. Für solch harte Verbrechen sollten die Täter ein Leben lang eingesperrt werden, wenn keine Aussicht auf Besserung besteht. Aber sie zu töten macht uns nicht besser als den Täter selbst.

          2. Akif Sahin Artikelautor

            Öhm, ich dachte meine klare Linie bei diesen Themen wäre eigentlich deutlich geworden. Ich habe zu diversen Punkten, die sie auch oben kritisch erwähnen, durchaus Stellung bezogen und das ist ja auch beispielsweise der Sinn des obigen Artikels. Entweder ist ihnen völlig entgangen, dass es oben nicht um das Befürworten der Todesstrafe ging, sondern um eine Kritik am System in Saudi-Arabien, dass gerade einen Blogger mit internationalem Haftbefehl über Interpol hat festnehmen lassen, nur weil dieses sich in drei tweets kritisch zum Propheten Muhammad (saw) geäußert hat. Ich bin Jemand, der sehr häufig solche Misstände benennt, aber auch ehrlich und kritisch mit diesen Themen insgesamt umgeht. Beispielsweise bin ich gegen Ehrenmorde, aber ich bin auch dagegen, diese als pur Islamisches Phänomen abzutun. Sie können entsprechende Texte von mir die sich häufig auch offen und kritisch mit islamischen Staaten und angeblich islamischen Problemen beschäftigen, gerne nachlesen.

          3. Fred

            Das glaube ich ihnen auch gerne. Und ich will dies als kein rein islamisches Problem darstellen. Aber Fakt ist, dass derartiges dort immer noch häufig geschieht. und das sie derartiges auch kritisieren, nötigt mir auf jeden Fall eine Menge Respekt ab.

  2. joehanson

    Soso. Du hältst die Todesstrafe für xxx für gerechtfertigt und vertretbar. Wie war das doch gleich mit dem in unserer Religion kostbaren Menschenrecht?

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    1. Akif Sahin Artikelautor

      Verstehe ich das richtig, dass sie finden, es sei ein Menschenrecht Kinderschänder, Vergewaltiger, Drogenhändler und Massenmörder zu sein? Ich hab ja mit vielen kruden Ideen zu tun, aber ihr bescheuerter Versuch meine Religion in diese Diskussion mit rein zu ziehen, auf solch einer Basis zeigt, wie lächerlich und armselig ihre Argumentation ist.

      Ich habe einen Hass auf oben genannte Gruppen und ja, ich finde die Todesstrafe für sie angemessen, wenn sie eine weitere Bedrohung für die Gesellschaft darstellen. Das lässt sich sicherlich nicht mit der Würde des Menschen vereinbaren. Aber ich frage aus ehrlicher Meinung heraus, wie verträgt es sich mit der Würde der Opfer, die oft nachdem sie traumatisiert und im Stich gelassen wurden, später erfahren, dass die Täter wieder das getan haben, wofür sie schon einmal im Knast waren?

      Wenn sie schon Argumentieren möchten, dann seien sie aufrichtig und versuchen sie nicht den Islam in den Dreck zu ziehen… Fragen sie sich vielmehr wieso es ok ist, dass es in den USA Hinrichtungen gibt, aber es gleichzeitig nicht ok sein soll, wenn ähnliches von mir für ähnliche Fälle gefordert wird.

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