Universität Tübingen: Ein Deutscher Islam soll es sein


An der Universität Tübingen wurde am 16. Januar 2012 durch Bundesministerin Annette Schavan und der badenwürttembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer das “Zentrum für Islamische Theologie” feierlich eröffnet. An das neue Zentrum, wie auch bei anderen Zentren in Deutschland, werden große Erwartungen geknüpft. Diese könnten aber bald wieder vergessen sein.

Das “Zentrum für islamische Theologie” ist bereits seit dem Beginn des Wintersemesters 2011/2012 in Betrieb – als eines der ersten von vier geplanten Zentren für Islamische Theologie an Deutschen Universitäten. Als erster Professor am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen wurde der renommierte und bekannte Koranwissenschaftler Dr. Omar Hamdan berufen.

Hintergrund

Das Tübinger Islamische-Theolgie-Zentrum geht auf eine Initiative und Empfehlung des Deutschen Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2010 zurück. Dieses hatte damals die Einrichtung solcher Zentren empfohlen, damit sich Islamische Theologie ähnlich wie christliche und jüdische Theologie an Universitäten etablieren kann.

Der Bund finanziert die Zentren mit einer größeren Summe an Geld für die nächsten Jahre. Allein in Tübingen sollen beispielsweise vier Millionen Euro über fünf Jahre verteilt an das Zentrum fließen. Mit dem Geld sollen vor allem Professuren und Nachwuchs für “Islamische Theologie” gefördert werden.

Auch das Land Baden Württemberg schießt in das Zentrum für Islamische Theologie Geld hinzu. So beteiligt sich das Land nach offiziellen Angaben nach der Förderung des Bundes mit ca. 1,3 Millionen Euro jährlich.

Durch die Islamische Theologie an Universitäten soll auch ein weiterer Schritt zum Islamischen Religionsunterricht an Schulen folgen. Die Ausbildung von Islam-Lehrern ist nach Meinung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eine absolute Dringlichkeit geboten, da derzeit an Deutschen Schulen ca. 2000 Lehrer benötigt werden. Die Theologie Zentren sollen beim Aufbau von Ausbildungszentren für Islam-Lehrer helfen.

Zur Zeit studieren an der Universität Tübingen bereits 36 Studierende. Die Mehrheit davon besteht aus Frauen und haben allesamt unterschiedliche kulturelle wie ethnische Hintergründe.

Studiengang

Das 8 Semester angelegte Studienfach “Islamische Theologie” ist bekenntnisbezogen ausgerichtet und soll die Islamische Theologie auch mit allgemeinen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen verbinden. Erfolgreiche Studenten erhalten nach dem Studium einen Bachelor-Abschluss. Laut Curriculum gehört dazu auch die Beschäftigung mit religiösem Quellenmaterial, aber auch die Auseinandersetzung mit der religiösen Glaubenspraxis und deren Vermittlung. Darüber hinaus befasst sich der Studiengang mit der islamischen Religion im europäischen und deutschen Kontext und vermittelt interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen. Ergänzend sollen ein Masterstudiengang sowie ein Lehramtsstudiengang entwickelt werden.

Beirat

An der Universität Tübingen werden, wie auch vom Wissenschaftsrat angeregt, die Professuren in Zusammenarbeit mit einem Beirat besetzt. Es gilt wie bei christlich-theologischen Fakultäten ähnlich das Prinzip der Konfessionsbildung. Allerdings wird betont, dass die wissenschaftliche Eignung und akademische Exzellenz der Professoren ausschließlich durch die Universität geprüft und gewährleistet werden.

Dies wird vor allem deshalb so betont weil im Beirat zwei der vier großen Islamischen Verbände, die DITIB, und die VIKZ ein Mitspracherecht haben. Das Mitspracherecht ist Islamkritikern ein Dorn im Auge. Auch sogenannte angeblich liberale Muslime wie Lamya Kaddor kritisieren die Zusammensetzung des Beirats und fordern für sich selbst einen Platz. In der Kritik wird oftmals darüber spekuliert, dass es so nicht möglich sei kritische und freie Lehre zu betreiben. Vorwürfe dieser Art werden jedoch von allen Beteiligten zurückgewiesen.

Der siebenköpfige Beirat soll den Prozess der Akademisierung und Institutionalisierung der Islamischen Theologie an der Universität Tübingen begleiten und in bekenntnisrelevanten Fragen entscheiden. Der Beirat in Tübingen zeichnet sich vor allem durch Fachpersonal aus, die allesamt mit dem Thema “Islamische Theologie” vertraut sind.

Deutscher Islam

Nach dem Willen von Bundesministerin Annette Schavan soll es künftig in Deutschland einen Deutschen Islam geben. Was man sich jedoch darunter vorstellt ist nicht so ganz klar. Kritiker befürchten, dass die Politik versuchen wird einen Islam-Light an den Universitäten zu etablieren, der mit der eigentlichen Religion der Muslime wenig am Hut hat.

Bisher konnte vor allem die jetzige Bundesregierung solche Vorbehalte nicht ausräumen, da sie oftmals den Islam im gleichen Atemzug wie Terrorismus benennt. Auch die Deutsche Islamkonferenz scheint im Rückblick betrachtet gescheitert zu sein, sodass eine Anerkennung der Muslime auch weiterhin in weite Ferne gerückt ist.

Geht man von den Handlungen und Aussagen von Schavan aus, dann gibt es zudem berechtigte Kritik an der Ausrichtung der Theologie-Zentren. Annette Schavan ist es nämlich gewesen, die damals als Minsiterin im Lande der muslimischen Lehrerin Fereshta Ludin das Tragen des Kopftuchs im Staatsdienst verweigert hat.

Sollte dieses Verständnis von Islam auch an den Universitäten etabliert werden, so droht dem universitären Islam durch die bekennenden Muslime ein Boykott. Daran dürfte auch eine Einbindung und Zusammenarbeit mit den vier großen Islam-Verbänden nichts ändern. Denn die Verbände wissen nur zu gut, dass die Etablierung einer echten Theologie im universitären Raum mehrere Jahrzehnte dauern kann.

So viel Zeit will und kann sich die Bundesregierung aber nicht geben. Es werden vor allem juristisch höchst fragwürde und z.T. sogar Grundgesezeswidrige Konstrukte erstellt um “Übergangslösungen” zu finden. Dies gilt nicht nur für “Islamische Theologie” sondern auch für “Islamischen Religionsunterricht”.

Was tun mit denen die fertig sind?

Auch gibt es keine echte Perspektive der Personen betreffend die eine solche Ausbildung beginnen und später abschließen. So sind die Aussichten für den “Islamischen Religionsunterricht” als Lehrer angenommen zu werden, durchaus gut. Allerdings gilt das beispielsweise nicht für Imame oder Theologen. Denn oftmals fehlt es den muslimischen Gemeinden an Geld, was die Bezahlung studierter Imame aus Deutschland stark erschweren dürfte. Auch ist nicht klar, wie die Theologie zu den bisher bestehenden Moscheen und Gemeinden passen wird. Zwar gibt es bestimmte Vorgaben, aber wie wird das Bekenntnis tatsächlich in der Praxis sein und wie wird das nach der Ausbildung aussehen?

Kritik

Was viele Kritiker auch weiterhin bemängeln ist, dass die Lehrpläne wie auch die Abschlüsse und künftige Möglichkeiten nicht gänzlich geklärt sind. Die ganzen Bemühungen wirken z.T. ziemlich planlos. Die Einbindungen der Verbände ist zudem fraglich. Die DITIB hat beispielsweise bereits vor einigen Jahren klar erklärt, dass sie ihre Imame auch weiterhin in der Türkei ausbilden lassen wird und sie zu einem Sprachkurs schicken wird. Sie wird Imame die an Deutschen Universitäten ausgebildet werden vorerst nicht einstellen.

Genauso hat der VIKZ einen eigenen Ausbildungsplan für Imame, den er rigoros befolgt. Die wichtigeren Verbände, die mit weit mehr als 1000 Moscheen in Deutschland vertreten sind, aber bisher nicht im Beirat der Universität Tübingen sitzen, sind der ISLAMRAT und der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Diese haben ein echtes Interesse daran, dass muslimische Geistliche in Deutschland ausgebildet werden und die Moscheen in diesen Verbänden haben auch den Bedarf nach diesen Geistlichen. Allerdings ist es fraglich, ob die beiden Verbände Imame in ihren Moscheen einstellen werden, wenn sie kein Mitspracherecht im Beirat haben.

Dies läuft auch den Empfehlungen des Wissenschaftsrat entgegen. Dieser hatte deutlich betont, dass die Beiräte mit den Verbänden (ohne Ausschluss einiger) gebildet werden sollten. Schließlich sind sie es die über Moscheen verfügen und muslimischen Theologen Anstellung bieten können. Das kann aber nicht gelingen, wenn sie von vornherein von der Ausbildungsgestaltung gänzlich ausgeschlossen werden.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es noch der ISLAMRAT und der Zentralrat der Muslime in Deutschland seien im Beirat vertreten. Bei genauerem hinsehen stellte die Redaktion fest, dass beide Verbände nicht vertreten sind. Die Universität Tübingen geht damit einen Sonderweg, der sich negativ auf die berufliche wie anerkennende Situation der Studenten nach erfolgreichem Abschluss auswirken dürfte und wurde daher gesondert noch einmal kritisiert.

Weitere Quellen:
Pressemitteilung Universität Tübingen
Presse-Artikel BMBF



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