Qualifikation und Kopftuch
Posted in Islam, Islamfeindlichkeit, Schule und Co. on 17. Januar 2012
In einer von Konkurrenz geprägten Welt fällt es vielen Frauen mit Kopftuch schwer sich durchzusetzen. Allerdings mangelt es auch oft an einer gehörigen Portion Selbstkritik und vor allem dem nötigen Eifer.
Sheyma* ist 23 Jahre jung. Sie hat das Abitur. Sie sucht einen Ausbildungsplatz. Ihr Wunschberuf: Hebamme. Nach fünf Monaten Suche gibt sie ihren Wunschberuf auf. Sie sagt:
“Mit Kopftuch wird man nicht genommen.”
Ayshe* ist 19 Jahre alt. Sie hat Abitur. Sie hat sich erfolgreich für einen Ausbildungsplatz beworben. In ihrem kleinen Örtchen wird sie künftig bei einer Sparkasse zu einer Bankkauffrau ausgebildet werden. Sie trägt Kopftuch.
Zwei unterschiedliche Geschichten. Aber auch zwei unterschiedliche Auffassungen, was das Thema Kopftuch angeht. Ist Qualifikation unwichtig wenn man das Kopftuch trägt?
Ich werde diskriminiert
Sheyma hat mehrere Monate lang versucht einen Ausbildungsplatz für ihren Traumberuf zu finden. Nachdem es nicht geklappt hat ist sie herbe enttäuscht. Sie sagt, es liegt an ihrem Kopftuch.
Tatsächlich gibt es Diskriminierung im Alltag und erst Recht von Frauen mit Kopftuch, aber nicht jedes Mal muss das auch tatsächlich mit dem Kopftuch zusammen hängen. Denn oftmals übersehen die Kandidaten für einen Job wichtige Voraussetzungen.
Wenn beispielsweise Jemand zwar Abitur hat, aber in Deutsch eine 4 oder 3 und ebenso in Mathematik, dann kann man beim besten Willen nicht die Absagen auf das Kopftuch zurückführen. Fakt ist Sheyma hat ein durchschnittliches Abitur erlangt. Mit diesem Schnitt ist es um ein vielfaches Schwieriger als Hebamme eine Ausbildung zu erhalten.
Das das Kopftuch keinerlei Rolle spielt, zeigt vor allem die Tatsache, dass ein Krankenhaus in Hamburg, wo sich auch Sheyma beworben hat, eine andere Bewerberin mit Kopftuch angenommen hat.
Sheyma meint trotzdem, es läge am Kopftuch. Tatsächlichen Einsatz für ihren Traumjob zeigt sie allerdings auch nicht. So ist der Job der Hebamme bei Frauen stark begehrt. Manche gehen dafür sogar für ein Jahr in ein freiwilliges soziales Jahr im Krankenhaus ein, nur um sich weitere Erfahrung für die spätere Bewerbung anzueignen.
Sheyma selbst sieht das ganze gelassen. Sie ist der Auffassung, dass sie alles mitbringt, was man für den Job braucht. Aber keiner will sie einstellen.
Auf die Frage, was sie tun möchte, wenn es denn nicht klappen sollte mit der Ausbildung, erklärt sie mir:
“Dann geh ich studieren… Das soll auch möglich sein…”
– Wie genau das ganze aber funktioniert, weiß sie noch nicht…
Man muss sich enorm anstrengen
Ayshe hat Glück. Vielleicht ist sie sogar einzigartig. Eine Bank in einer kleinen Ortschaft in Niedersachsen hat sie eingestellt. Sie wird zur Bankkauffrau ausgebildet. Das interessante: Ayshe trägt das muslimisch gebotene Kopftuch.
“Natürlich ist das für diesen Beruf tödlich. Ich habe bestimmt 60 Bewerbungen geschrieben – alles Absagen. Die haben nicht einmal vorher auch nur ein Wort mit mir gesprochen.”
Dann fand sich jedoch eine Bank in Niedersachsen, die die Abiturientin mit der guten Note 1,4 zum persönlichen Bewerbungsgespräch und Bewerbungstest einlud. Ayshe überstand den Test und musste sich in einer Art Assessment-Center gegen ihre Konkurrenten durchsetzen – mit Erfolg.
Die Bank bot ihr einen der insgesamt zwei Ausbildungsplätze an. Man machte allerdings keinen Hehl daraus, dass es sein kann, dass Kunden nicht von ihr bedient werden möchten. Die Bank geht selbst ein großes Risiko ein. Denn das Mädchen mit Kopftuch kann für die Kunden im Ort verstörend wirken.
“Der Filial-Leiter sagte, ich müsse mit allem rechnen – aber man wolle Jemandem wie mir einfach die Chance geben sich zu beweisen.”
Und wenn es nicht klappt? Dann geht Ayshe halt studieren. Mit ihrem Abitur bleibt sie jedenfalls nicht auf der Strecke. Allerdings gibt auch sie zu:
“Viele meiner Freundinnen mit Kopftuch haben weiterhin keinen Ausbildungsplatz. Die Arbeitgeber geben ihnen keine Chance. Es ist wirklich sehr schwer für sie. Man muss sich schon enorm anstrengen bis man eine passende Stelle findet.”
Qualifikation als solide Basis
Frauen mit Kopftuch sind heutzutage oftmals besser ausgebildet als ihre männlichen muslimischen Geschwister. Allerdings brechen sie ihre eingeschlagenen Karrieren aber auch viel öfter ab, als ihre männlichen Pendants. Das liegt mitunter an Diskriminierung aufgrund des Kopftuchs aber auch an der nötigen Einstellung.
Wer einen Job sucht, sollte sich keine illusionistischen Vorstellungen machen. In aller Regel schauen alle Firmen zunächst auf das Zeugnis und auf das Erscheinungsbild des Bewerbers. Deshalb kann z.B. die Bewerbung in einem großen Unternehmen oder in einem kleinen Unternehmen Fluch und Segen zugleich sein.
Während es beim großen Unternehmen zwar auf Diversity ankommt, und man auch Frauen mit Kopftuch einstellt, heißt das aber auch, dass diese Stellen aufgrund der Konkurrenz schnell weg sind. Denn große Unternehmen erhalten auch um ein vielfaches mehr an Bewerbungen aus allen möglichen Gruppen.
Bei kleinen Unternehmen sind die Möglichkeiten mit Kopftuch angenommen zu werden um ein vielfaches kleiner. Denn kleine Unternehmen suchen Leute die zum Unternehmen passen und sind nicht flexibel was die Personalwahl ausgeht.
Zudem muss man sich als Muslima die ihren Glauben offen zur Schau stellt immer die Frage stellen, ob man den richtigen Berufswunsch hat. Eine Kassiererin mit Kopftuch in einer großen Super-Markt-Kette hat heute noch einen Seltenheitswert, obwohl an diese Tätigkeit kaum hohe Anforderungen gestellt werden. Man trifft heutzutage Kopftuchträgerinnen vor allem im akademischen Berufen an. Rechtsanwältinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen, Informatikerinnen und Architektinnen sind heute viel öfter anzutreffen unter Kopftuchträgerinnen als die klassischen Putzfrauen…
Das Problem ist, dass die Ausbildung in diesen Berufen zwar sogar mit Bestnoten gelingt, aber eine Weiterbeschäftigung quasi unmöglich bis sehr schwierig ist.
Jobs, die vor allem mit viel Kundenkontakt zu tun haben, sind eher ein No-Go für Kopftuchträgerinnen. Das Beispiel Ayshe ist eine echte Ausnahme. Man könnte sogar sagen Einzigartig. Denn bisher habe ich sonst Niemanden kennengelernt, die mir etwas ähnliches erzählen konnte. Oftmals werden Frauen mit Kopftuch in solchen Berufen nicht eingestellt. Wenn sie beispielsweise das Kopftuch später anlegen, werden sie aus dem Job gemobbt. Klagen bringen auch nicht viel, weil die Frauen dann z.B. in Büros verlegt werden, die kein Kunde je zu Gesicht bekommt. Die Isolation der Frauen ist heutzutage gang und gäbe.
Gerade als eine Muslima, die ihren religiösen Anspruch durch das Kopftuch zur Schau stellt, sollte man besser mit allem rechnen und sich stärker um die persönliche Qualifikation kümmern. Je besser man ist, desto mehr Chancen hat man später auch, im Wunschberuf zu landen. Eine Garantie dafür gibt es allerdings nicht. Denn persönliches Engagement und eine Menge Überzeugungskraft sind trotz guter Ausbildung und Qualifikation immer noch nötig.
Und zuletzt… Man sollte auch immer ein Unternehmen suchen, dass auch zu einem selbst passt. Das bedeutet nicht, dass man sich in den typischen Migranten-Branchen herumtreiben soll, sondern vielmehr auf die Firmen zugeht, die eine Personalstruktur verfolgen, die auf Vielfalt ausgerichtet ist.
*Name von der Redaktion geändert.




Kennt sich aus mit den Themen Islam, Politik und Internet. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. War jahrelang in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.



