Die Charakteristik einer literarischen Figur

Das Wort „Charakter” kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Gepräge, Stempel, Abdruck, Abbild, Wesen, Eigentümlichkeit”. Unter Charakter bei einem Menschen verstehen wir ein nicht starr unveränderliches, doch relativ gefestigtes Ganzes von ererbten und erworbenen geistig-seelischen Eigenschaften, die der Verhaltensweise eines Menschen (seinem Denken, Fühlen und Wollen) zugrunde liegen. Als Aufsatzform ist die [...]

Das Wort „Charakter” kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Gepräge, Stempel, Abdruck, Abbild, Wesen, Eigentümlichkeit”. Unter Charakter bei einem Menschen verstehen wir ein nicht starr unveränderliches, doch relativ gefestigtes Ganzes von ererbten und erworbenen geistig-seelischen Eigenschaften, die der Verhaltensweise eines Menschen (seinem Denken, Fühlen und Wollen) zugrunde liegen.

Als Aufsatzform ist die Charakteristik eine Möglichkeit, sich das Wesen einer Person deutlich zu machen. Dabei sollte man besonders darauf achten, wie die Person in dem Text, der die Grundlage der Charakteristik bildet, dargestellt wird. Als Beispiel sei hier das Drama gewählt.

Für die Anlage einer Charakteristik hat sich die folgende Form bewährt:

1. Die äußere Gestalt in ihrem Lebensumkreis

  • Einordnung der Figur in das literarische Werk
  • Ausführung der Lebensverhältnisse: Beruf, familiäre Situation,Milieu
  • Beschreibung des äußeren Erscheinungsbildes in Kurzform: Größe, Figur, Haartracht, Gesichtszüge, Haltung, Kleidung

2. Das verborgene Innere, die Regungen und Eigenschaften der lebendigen Seele belegt an Beispielen aus dem Handlungszusammenhang und an Eigenarten der Sprache

  • Beschreibung des Verhältnisses der Person zu sich selbst
  • Beschreibung des Verhältnisses der Person zu anderen Personen
  • Beschreibung des Verhältnisses der Person zur Sache, gesellschaftlichen Lage, zum Konflikt
  • Beschreibung der Sprache der Person:
  • Sprechart: Tonfall, Gebärde
  • Satzbau: Haupt- und Nebensätze, Verkürzungen, Fragen, Befehlsform
  • Ausdruck: Redensarten, Phrasen, Bilder
  • Wortwahl: Fremdwörter, Sprachschicht
  • Sondersprache: Amtsdeutsch, Soldatensprache

3. Erläuterung der Funktion der Figur im Text

4. Wertung

Beispiel: Charakteristik des Hämon in dem Drama „Antigone” von Sophokles

1. Hämon ist Kreons Sohn Und der Verlobte Antigones. Da Antigone nach ihrer Verurteilung darüber klagt, freudlos und ohne Kinder dahingehen zu müssen kann man daraus schließen, dass Hämon und Antigone sich fest einander Versprochen und ein gemeinsames Leben geplant haben.

2. Hämon zeigt in der Begegnung mit dem Vater zunächst äußerste Zurückhaltung und nähert sich dem Herrscher demütig und ehrfurchtsvoll. Ob das nur Taktik ist, einen eigenen Wunsch durchzusetzen, kann man am Beginn des Gesprächs noch nicht erkennen. Es scheint jedoch so zu sein, dass Hämon auch um das Wohl des Vaters besorgt ist, wenn er es für falsch hält, die eigene Meinung immer als die richtige anzusehen. Hämon hat sich ganz der Tugend des Maßes verschrieben. Er gibt sich einsichtig, in schwierigen Lagen nachgiebig, verständig und klug. Dies verbindet er mit einer sehr demokratischen Haltung, die immer auf die Stimme des Volkes hören will und mit seinem Glauben an das Recht der Götter. Diese konsequente Haltung führt am Ende der Szene zum Bruch mit dem Vater; so dass er an Antigones Leiche sogar bereit ist, den eigenen Vater umzubringen.

3. Hämon tritt in dem Augenblick auf, als Antigones, Schicksal besiegelt ist. Als Verlobter Antigones dient er einmal dazu, die Ungeheuerlichkeit der Tat Kreons zu zeigen, der zur Durchsetzung seines Machtanspruches nicht davor zurückschreckt, Familienmitglieder zu opfern. Zum anderen führt Hämon die Gegenkräfte an, die einen letzten Versuchstarten, das Schreckliche zu verhindern. Insofern weist Hämon bereits auf das retardierende Moment des 4. Aktes voraus, der ganz von Teiresias bestimmt wird.

4. Hämon ist neben Antigone und Teiresias die dritte Person, die in diesem Drama das Gute vertritt. Liebevoll, nachdenklich und besonnen, dann aber auch konsequent, entschieden und zum Äußersten entschlossen, verbindet er in sich die Tugenden, die man einerseits dem Alter, andererseits der Jugend zuschreibt.

25. Dezember 2011,

Kategorie(n): Schule und Co.



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