Islamistischer Terror und christlich-fundamentalistischer Terror?
2007 fand in Bonn ein Symposium der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs statt, dass sich unter dem Titel “Chaos der Begriffe – Begriffe des Chaos” ganzheitlich dem Thema der Definitionen von Begrifflichkeiten im islamischen Kontext wandte. [1] Das Symposium erwähne ich hier, weil ich mich auch daran erinnere, dass bei der Veranstaltung damals schon über die [...]
2007 fand in Bonn ein Symposium der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs statt, dass sich unter dem Titel “Chaos der Begriffe – Begriffe des Chaos” ganzheitlich dem Thema der Definitionen von Begrifflichkeiten im islamischen Kontext wandte. [1] Das Symposium erwähne ich hier, weil ich mich auch daran erinnere, dass bei der Veranstaltung damals schon über die Thematik einer religiösen Komponente des Terrorismus diskutiert wurde und ob es zulässig sei, diesen Terrorismus mit Vorzeichen für bestimmte Religionen zu bezeichnen.
Also konkret ging es auch um die Frage, ob es zulässig ist von einem islamischen, islamistischen oder christlichen, christlich fundamentalistischem Terrorismus zu sprechen.
Ahmet Davutoglu, heute türkischer Außenminister im Kabinett von Erdogan, ist ein Feind solcher Termini. In seinem bekannten Buch “Küresel Bunalim”, dass eine Sammlung von Gesprächen aufgrund des 11. Septembers darstellt, wehrt er sich gegen den Gebrauch solcher Termini und empfindet diese als Beleidigung und Verletzung religiöser Gefühle von Gläubigen.
Konkret prangert Davutoglu in diesem ersten Buch von ihm, dass größere Resonanz erzielte, an, dass von einem islamistischen Terror gesprochen wird, wo doch Terror überhaupt keine Religion hat und haben kann. Terrorismus dürfe nicht dazu führen, dass die Gefühle und Empfindungen einer ganzen religiösen Gemeinschaft dafür in Schutzhaft genommen wird. In seinem Buch wird auch klar, dass Davutoglu die Ansicht vertritt, das solche Bezeichnungen nur dazu führen, Bevölkerungsgruppen gegenüber religiösen Minderheiten aufzustacheln.
Diese Meinung von Davutoglu ist auf dem internationalen Parkett eigentlich sogar sehr bekannt. Er maßregelt immer wieder in diesem Zusammenhang Politikerinnen und Politiker die sich an diese Termini klammern. Zuletzt hatte sich Davutoglu sogar bei den USA dafür stark gemacht, dass die Regierung künftig auf die Bezeichnungen “Islamischer Terror” und “Islamistischer Terror” verzichtet wird – und mit Barack Obama wurde tatsächlich langsam auf diese Termini verzichtet, auch wenn sie vereinzelt immer wieder von den Medien erwähnt wird.
Tatsächlich erklärt und achtet Obama darauf, dass für alle klar wird, dass die USA nicht den Islam sondern den Terrorismus überhaupt bekämpfen. In diesem Sinne wird auch in den letzten Jahren vereinzelt darauf aufmerksam gemacht, dass die Terroristen von Al Qaida und Co. nicht den Islam darstellen.
Die Meinung von Davutoglu ist aus diversen anderen Gründen interessant. Während seiner erst kürzlichen Reise durch Deutschland traf der türkische Außenminister nicht nur Angehörige der Opfer des Rechten Terrors in Deutschland, sondern auch diverse Vertreter von Staat und sozialen Einrichtungen. Unter den Staatsvertretern war auch der Deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich. Mit diesem soll es, glaubt man den Machern von “Deutsch-Türkische Nachrichten” zu einem kleinen “Meinungsaustausch” gekommen sein. Die türkische Presse hatte in den vergangenen Tagen darüber berichtet, dass Davutoglu einen nicht näher benannten Deutschen Verantwortlichen wegen des Begriffs des “islamistischen Terrors” gerügt und gerüffelt hätte. Wer der Deutsche Verantwortliche war, wurde von den Medien nicht benannt – bis die Deutsch-Türkischen Nachrichten erklärten, es sei der Innenminister gewesen. [2]
Woher die Deutsch-Türkischen Nachrichten genau wissen, dass es sich um Friedrich gehandelt hat, ist nicht ganz klar, allerdings scheint die Geschichte so zu stimmen. Denn Ahmet Davutoglu besuchte zuletzt auch eine IGMG-Moschee in Köln. [3]
Der Bericht auf igmg.de erwähnt die selbe Geschichte. Anscheinend war der Innenminister Deutschlands nicht so schlau sich über seinen Gegenüber zu informieren – und Davutoglu ist eben Jemand der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn ihm Termini nicht gefallen und diese gerade im Kontext mit Terrorismus gebraucht werden.
So heißt es konkret Davutoglu soll gesagt haben:
Genauso wenig wie man von ‚christlichem Terror‘ oder vom ‚deutschen Terror‘ sprechen kann, kann man eben auch nicht vom ‚islamistischen Terror‘ sprechen.
Die Worte Davutoglus sind auch eine kleine Bewertung des Terrors von Rechts. Dieser wird Rechtsextremen angelastet, weil diese Gesinnung hinter den Morden an 10 Menschen in Deutschland steckt. Davutoglu macht klar, dass die Religion der Beteiligten Terroristen der NSU eben keine Rolle spielt und genau so müsse es eigentlich auch beim Thema Islam sein.
Die Forderung ist also klar. Allerdings wurde diese Forderung Davutoglus in der Deutschen Presse kaum thematisiert. Auch religiöse Institutionen haben sich mit dem Thema schwer getan und sind auf diese Vorlage nicht angesprungen.
Einzig die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, vertreten durch ihren Generalsekretär Oguz Ücüncü, haben das Thema aufgegriffen. In einer Pressemitteilung unterstütz der Generalsekretär die Forderung des türkischen Außenministers. [4]
Ücüncü sagt unter anderem
Seit vielen Jahren kritisiert die IGMG bereits, dass die Zuschreibung ‚islamistischer Terror‘ gefährlich ist. Lange Diskussionen sowohl auf der Islamkonferenz als auch mit Sicherheitsbehörden scheiterten regelmäßig an der Ignoranz und der fehlenden Sensibilität. Jetzt, wo sich Anschläge auf muslimische Einrichtungen und Personen häufen, sollten sich alle Beteiligte fragen, ob solche Begrifflichkeiten nicht mitunter den Nährboden für Rechtsextremismus bereiten und die Gewaltbereitschaft gegen Muslime fördern.
und stößt damit eine längst überfällige Debatte in Deutschland wieder an, wie es die Islamische Zeitung übrigens auch konstatiert. [5]
Tatsächlich aber ist die Diskussion eigentlich nicht neu. Gerade seit dem 11. September wird Terror in Deutschland immer mit Islam gleichgesetzt. Eine Änderung und ein kleines Nachdenken über diesen Unsinn zeigte man, als es in Norwegen einen Anschlag eines sich auf das Christentum berufenden Terroristen gab, dass 77 Menschen am Ende das Leben kostete. Damals hatten alle “Experten” bereits im Vorfeld der Ermittlungen angenommen, es handle sich bei dem Terror in Norwegen um einen islamistischen Terror. [6]
Diese Tat zeigte ganz eindeutig, dass obwohl im Schnitt islamistischer Terrorismus in Europa verschwinden gering war, die Wahrnehmung überall in Deutschland eine andere war. [7]
Erst nach dem Anschlag von Oslo und Utoya wurde über ein Umdenken nachgedacht, aber erst seitdem der Terror der NSU aus dem rechten Spektrum in Deutschland bekannt geworden ist, wird auch wirklich den letzten Fanatikern klar, dass eben nicht nur ein “islamistischer Terror” vorhanden ist, sondern dass der Terror aus anderen Richtungen heraus immer vernachlässigt wurde.
Die Forderungen des türkischen Außenministers, der IGMG und wahrscheinlich auch aller Muslime, nach einem Ende des Gebrauchs von Termini im Zusammenhang mit Terror, die auf einen religiösen Bezug schließen lassen, sind legitim. Sie müssen ernsthaft diskutiert werden und es muss ernsthaft darüber nachgedacht werden, wie diese Begriffe überhaupt geprägt und von wem diese Begriffe überhaupt benutzt wurden.
Vor allem den Politikern und den Medien kommt hier eine besondere Rolle zu. Sie müssen verantwortungsvoll mit Begrifflichkeiten umgehen und dafür sorge tragen, dass Begriffe nicht dazu genutzt werden, dass Minderheiten in den Focus von Fremdenfeindlichkeit rücken.
Die einzige Kritik, die immer wieder an solchen Forderungen aufkommt, ist das Argument der Zensur. Viele “Islam-Kritiker” werfen bei solchen Forderungen immer wieder vor, man wolle politisch korrekt sein und verhindern, dass die Wahrheit (in diesem Fall, dass der Islam böse sei) ans Licht kommt.
Unabhängig solcher Hirngespinste sollte wirklich darüber nachgedacht werden, ob es legitim ist, von Terror zu sprechen und diesem einer Religion oder sogar einer Rasse anzuhängen. Das passiert leider, auch wenn nicht vom “islamischen Terror” spricht, sondern vom “islamistischem Terror”.
In diesem Zusammenhang möchte ich es mir aber auch nicht nehmen lassen ein bisschen selbstkritisch an den Muslimen zu sein. Sie haben nach dem 11. September zugelassen, dass Terroristen ihre Religion als Begründung für ihre Anschläge missbrauchen konnten. Sie haben es nicht geschafft gegen die Vereinnahmung ihrer im Grunde friedlichen Religion vorzugehen und haben diesbezüglich kläglich versagt.
Auf der anderen Seite sind sie aber was die Zuschreibung von terroristischen Akten angeht auch nicht gerade zimperlich. So erlebe ich es immer wieder das von jüdischem Terror oder christlichem Terror gesprochen wird. Gerade Muslime sollten sich bewusst sein, dass solche Zuschreibungen Unsinn sind, und daher auf sie verzichtet werden sollte, auch wenn auf der anderen Seite andere das trotzdem für Muslime nicht tun. Wir sollten immer vorbildlich agieren und vorangehen. Das heißt aber auch den Mumm zu haben, Unsäglichkeiten und falsches anzusprechen.
Letzte Anmerkung: “Ich finde diese Zuweisungen im Grunde alle falsch, bin aber als Blogger auf diese Begrifflichkeiten angewiesen, weil es kaum Alternativen gibt um richtig verstanden zu werden.”
Quellen
[1] Symposium “Chaos der Begriffe – Begriffe des Chaos”
[2] “Islamistischer Terrorist”: Davutoğlu rügt Friedrich für Wortwahl
[3] Türkischer Außenminister Ahmet Davutoğlu zu Besuch bei der IGMG
[4] Verwendung von Kampfbegriffen wie „Islamismus“ bzw. „islamistischer Terror“ muss eingestellt werden
[5] Muslime leisten wichtigen Debattenbeitrag
[6] Terror in Oslo: Im Zweifel war’s ein Islamist
[7] Europol Report: All Terrorists are Muslims…Except the 99.6% that Aren’t
7. Dezember 2011, Akif Sahin
Kategorie(n): Islam, Islamfeindlichkeit, Politik
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Kennt sich aus mit den Themen Internet, Islam, Medien und Politik. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. Ist seit Jahren in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.




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