Ägypten hat gewählt…

Ich finde es immer wieder lustig, wie wenig Ahnung die Kommentatoren westlicher, insbesondere deutscher Medien über bestimmte politische Richtungen und ihre religiösen Bekenntnisse haben. Umso schwieriger finde ich dann die Einschätzung, die von einigen Kommentatoren vorgenommen wird, was diese Richtungen angehen. Ich möchte das anhand eines kleinen Beispiels demonstrieren. Als in den USA die Wahlen [...]

Ich finde es immer wieder lustig, wie wenig Ahnung die Kommentatoren westlicher, insbesondere deutscher Medien über bestimmte politische Richtungen und ihre religiösen Bekenntnisse haben. Umso schwieriger finde ich dann die Einschätzung, die von einigen Kommentatoren vorgenommen wird, was diese Richtungen angehen. Ich möchte das anhand eines kleinen Beispiels demonstrieren. Als in den USA die Wahlen zum Kongress und Repräsentantenhaus waren, da hat Niemand davon gesprochen, dass die religiösen Fundamentalisten der evangelikalen Christen ins Weiße Haus wollten – obwohl die republikanische Tea-Party durchaus mit solchem Abschaum vermengt und bestückt war. Jetzt wird aber überall von den islamistischen Fundamentalisten gesprochen, die von den Ägyptern gewählt werden.

Die Wahrheit ist – und damit tun sich die Kommentatoren sehr schwer – dass die “Islamisten” derzeit für Demokratie und Menschenrechte einstehen, anstelle aller anderen… Es ist also kein Wunder, dass die Menschen religiös motivierte Parteien in Ägypten wählen. Und wenn wir derzeit von einer “Islamisierung” des Landes sprechen, dann vergessen wir nur allzuoft, dass die Wahl von Konservativen eben den Konservativismus nach sich bringt.

Ich mache mir da ehrlich gesagt keine Sorgen. Sicherlich wird es einige islamische Regeln mehr geben, aber alles in allem dürfte der Demokratie durch die ersten freien Wahlen in Ägypten mehr Vorschub geleistet werden, als wenn Humanisten und Atheisten sich zur Wahl gestellt hätten. Und bitte, das Land ist nunmal mehrheitlich von Muslimen bewohnt, da ist es kein Wunder, dass eine “islamische” Partei gewinnt.

Und die Ergebnisse sehen dann wie folgt aus. Die Ikhwan al Muslimin, die Muslim-Brüder, haben 36 % aller Stimmen auf sich vereinigen können und gehen damit schon mal als deutlicher Sieger dieser Wahlen hervor. Die noch konservativere Partei Nur, die dem politischen Salafismus verfallen ist, erhielt 24 % der Stimmen. Daneben hat noch eine weitere konservative Partei, die Wasad Partei, knapp 4 % der Stimmen erhalten. Damit drückt sich auch insgesamt das aus, was ich meinte.

Ägypten ist konservativ und die Wahlberechtigten haben mit 65 % Anteil den Konservativen Parteien den Rücken gestärkt. Liberale Parteien wurden kaum gewählt, und sind auch kaum in Erscheinung getreten. Einzig die Partei des christlichen Geschäftsmannes Nadschib Sawiri hat knapp 13 % der Stimmen auf sich vereinigen können – ein Achtungserfolg. Die eigentlich als liberale Partei bekannte Wafd hat demgegenüber gerade einmal 7 % der Stimmen erhalten.

Morgen ist das Volk dazu aufgerufen erneut an die Urnen zu gehen um 52 Abgeordnete des Parlamentes zu bestimmen.

Während westliche Medien dann nach diesen Ergebnissen den israelischen “Bedenken” über diese freien Wahlen Raum gewähren, möchte ich lieber darauf hinweisen, dass es weiterhin zu keiner Übergangregierung in Ägypten gekommen ist. Ein Grund dafür ist, so heißt es in übereinstimmenden Medienberichten aus Ägypten, dass Niemand den Posten des Innenministers besetzen möchte.

Ich sage es genauso wie ich es auch von normalen Demokraten erwarte… Man muss der Wahl des ägyptischen Volkes Respekt zollen und sie akzeptieren – auch wenn sie uns in vielerlei Hinsicht vielleicht nicht passt. Es ist falsch eine solche Wahl jetzt in Frage zu stellen. Die jüngste Vergangenheit hat uns nämlich gelehrt, dass solche Bestrebungen nur zu Chaos und Unsicherheit führen. Möge das dem Post-Mubarak-Ägypten erspart bleiben.

4. Dezember 2011,

Kategorie(n): Politik
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