Türkei: Erdogan entschuldigt sich für Dersim

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich erstmals für das Massaker an Kurden in den frühen Jahren der Republik entschuldigt. Der Schritt Erdogans, der historisch war und dessen Bedeutung noch bei weitem verkannt wird, wurde von der Bevölkerung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die Opposition hingegen glänzt weiterhin durch sture Absurdität. Nach dem Scheich Said [...]

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat sich erstmals für das Massaker an Kurden in den frühen Jahren der Republik entschuldigt. Der Schritt Erdogans, der historisch war und dessen Bedeutung noch bei weitem verkannt wird, wurde von der Bevölkerung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Die Opposition hingegen glänzt weiterhin durch sture Absurdität.

Nach dem Scheich Said Aufstand war der Aufstand von Dersim in den Jahren 1937 bis 1938 eines der größten Kurden-Aufstände in der Geschichte der türkischen Republik. Um den Aufstand Niederzuschlagen hat die Türkische Armee und die damals regierende CHP den Tod von mehr als 10.000 Kurden in der Region um das heutige Tunceli in Kauf genommen und sie töten lassen. Zahlreiche Bewohner Dersims wurden aus ihren Häusern und Dörfern vertrieben. Die Häuser wurden zerstört.

In den vergangenen Wochen hatte die Opposition unter der Führung von Kemal Kilicdaroglu, der Vorsitzender der kemalistisch-laizistischen CHP ist (die CHP ist die Schwesterpartei der SPD und gilt im Kern als Sozialdemokratisch), eine Entschuldigung für diese Taten vom türkischen Ministerpräsidenten gefordert. Kilicdaroglu selbst kommt aus der Provinz um Tunceli und hat die Geschichte um Dersim versucht politisch zu missbrauchen.

Nachdem gestern der türkische Ministerpräsident in seiner Rede vor der AKP-Fraktion sich mit den Worten: “Wenn es die Notwendigkeit einer Entschuldigung seitens des Staates gibt, wenn so etwas üblich ist, dann entschuldige ich mich.”

Gleichzeitig wies Erdogan darauf hin, dass nicht seine AKP während der 30iger Jahre an der Macht stand, sondern die CHP von Kemal Kilicdaroglu. Er forderte Kilicdaroglu dazu auf, sich auch zu entschuldigen und zu der Geschichte seiner Partei zu stehen.

Die Opposition, wie auch die kurdische Minderheit in der Türkei wurde von der Entschuldigung Erdogans quasi überrascht. Niemand hatte mit einer solchen Ernsthaftigkeit und Entschuldigung gerechnet. Einige wenige blickten in diesem Moment noch etwas durch und forderten eine lückenlose Aufarbeitung der Geschehnisse in den Jahren 1937 und 1938.

Der Oppositionspolitiker Kilicdaroglu selbst geriet massiv in die Kritik der Medien. Kilicdaroglu hat am Selben Tag einen Kommunalpolitiker des Amtes enthoben, weil dieser sich öffentlich für das Dersim-Massaker entschuldigt hat. Gleichzeitig griff Kilicdaroglu Erdogan massiv an und attestierte ihm, er solle sich in psychologische Behandlung begeben.

Die Bevölkerung nahm die Enschuldigung gemischt auf. Während ein Teil der Bevölkerung diese Entschuldigung als längst überfällig und richtig bewertet, gibt es einen großen Teil der sich weitere Entschuldigungen wünscht. Dies geht dann auch in die Richtung der Aufarbeitung der Zwischenfälle mit den Armeniern. Andererseits gab es auch zahlreiche Tötungen durch Gerichte in der frühen Geschichte der Republik.

Mit seinem ehrlichen Schritt hat Recep Tayyip Erdogan bei Freund und Feind wieder einmal für Überraschung gesorgt. Die Aufarbeitung des Massakers von Dersim dürfte alsbald folgen und der türkische Politiker hätte erneut einen Beitrag dazu geleistet, die Befriedung zwischen Türken und Kurden voranzutreiben.

Diesbezüglich sind die Arbeiten an einer neuen zivilen Verfassung bereits seit einigen Wochen gestartet. Es wird erwartet, dass die neue Verfassung weitere demokratische Reformen und weitere Freiheiten mit sich bringt – nicht nur für Kurden, sondern für alle Menschen und Volksgruppen, die in der Türkei leben.

24. November 2011,

Kategorie(n): Politik
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