Salafiten und Co.: Der Islam im Wandel
Ich habe gestern noch Kitab al Dschihad von Fatih Yigit gelesen. Es ist eine Streitschrift, die sich an Muslime der ersten Generation in Deutschland richtet. Wenn man diese Streitschrift heute in dieser Form publizieren würde, wie es einst publiziert wurde, könnte man glatt von einem Aufruf zum bewaffneten Kampf gegen die Deutsche Bevölkerung sprechen. Denn [...]
Ich habe gestern noch Kitab al Dschihad von Fatih Yigit gelesen. Es ist eine Streitschrift, die sich an Muslime der ersten Generation in Deutschland richtet. Wenn man diese Streitschrift heute in dieser Form publizieren würde, wie es einst publiziert wurde, könnte man glatt von einem Aufruf zum bewaffneten Kampf gegen die Deutsche Bevölkerung sprechen.
Denn Fatih Yigit hat in seiner Streitschrift versucht ein zentrales Element des islamischen Glaubens, den Dschihad, näher zu beschreiben. Er ist dabei nicht nur auf die Komponente eingegangen, die oftmals von der Deutschen Bevölkerung angenommen wird, also dem bewaffneten Kampf auf Allahs Weg (oft falsch mit Heiliger Krieg übersetzt), sondern auch auf die Komponente des sich Bemühens auf Allahs Weg, was heute von der überwiegenden Mehrzahl der Muslime sowohl in Deutschland, als auch weltweit eher vertreten wird.
Das Buch, dass 1988 in Ankara gedruckt und sich vornehmlich an Muslime richtete, die in der Diaspora lebten, ist nichts anderes als eine generelle Systemkritik. Da unterscheidet es sich kaum von linken Thesen zum Kapitalismus, aber auch nicht von Thesen von Rechten über die konservativen Werte der Gesellschaft.
Mit einem Wort ausgedrückt müsste man das Buch als Radikal bezeichnen, was aus heutiger Sicht durchaus zutrifft.
Die Frage die sich aber stellt ist, was hat das jetzt mit den Salafiten in Deutschland zu tun?
Die selbe Organisation, die das Buch 1989 in den eigenen Moscheen an die Mitglieder verteilte, vertritt heute eine ganz andere Sicht der Dinge, sowohl nach außen, als auch nach innen. Nicht nur die Wortwahl hat sich geändert, sondern auch die inhaltliche Interpretation der religiösen Gebote für Muslime.
Wenn Dschihad seinerzeit lieber mit einem Kampf auf Allahs Weg übersetzt wurde, so ist es heute ein Bemühen auf Allahs Weg. Der bewaffnete Kampf wird abgelehnt. Die Andeutungen der Organisation, sind aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre als ehrlich zu klassifizieren – zumal sich der Deutsche Staat heute mit dieser Organisation auch auseinandersetzt und sie nicht einfach nur ignoriert oder als Rand-Gruppe darstellt, sondern auch am Verhandlungstisch mit ihr sitzt.
Tatsächlich ist es so, dass in den ganzen 20 Jahren nach dem Erscheinen des Buches sich ein Wandel vollzogen hat. Die Organisation und die Thesen die vertreten wurden, waren diesem Wandel ausgesetzt. Aber auch die Sprache und vor allem, dass was man nach Außen hin als Islam kommunizierte hat sich verändert.
Ein Freund erzählte mir letztens nur beiläufig, dass er von seiner Organisation, einer Sufi-Tariqat enttäuscht sei. Allen gehe es mittlerweile nur noch um Geld, statt um die religiösen Themen.
Damit steht er nicht allein.
Fast jede religiöse Organisation, sei sie noch so klein, macht einen Wandel durch. Und dieser Wandel, der sich bei heute etablierten Organisation in 20 Jahren vollzogen hat, vollzieht sich bei neueren Erscheinungen, wie bei den Salafiten viel schneller.
Tatsächlich ist es so, dass die Organisationen, die in ihrer Sprache und Wortwahl kaum zu unterscheiden sind mit den Organisationen der Muslime vor 20 oder 30 Jahren, sich einem stetigen Wandel ausgesetzt fühlen. Das beginnt allein schon dadurch, dass die öffentliche Wahrnehmung sie zurückstößt.
Während beispielsweise viele Organisationen von Salafiten in Deutschland noch vor ca. 6 Jahren auch gerne vom Dschihad als bewaffneten Kampf gegen die Ungläubigen sprachen, ist es heute so, dass diese Organisationen aufgrund des öffentlichen Drucks zumindest verbal andere Töne anschlagen.
Auch von oftmals kritisierten Protagonisten des “politischen” Salafismus, wie beispielsweise Pierre Vogel, hört man keine radikalen Sprüche, die man tatsächlich so bezeichnen könnte (was die Menschen verstehen wollen, und was gesagt wird, sind wieder einmal zwei Paar Schuhe).
Es hat auch bei diesen Gruppen einen Wandel gegeben. Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Salafiten lehnen den bewaffneten Kampf ab – und zwar glaubwürdig.
Der soziologische Wandel hat auch bei diesen Gruppen eingesetzt und er wird weiter einsetzen. Tatsächlich verändern sich Organisationen im muslimischen Spektrum immer durch verschiedene Dinge.
Die Institutionalisierung ist beispielsweise ein großer Faktor, aber auch die Größe der Organisation spielt eine Rolle, hinzu kommt die Kommerzialisierung oder aber das eine bestimmte Führungsperson weg ist.
Eine diktatorische Organisation, in der die Menschen alles tun würden um das wohlgefallen Allahs zu erreichen, wandelt sich zu einer institutionellen Organisation, in der vor allem Anreize geschaffen werden müssen um diese Organisationen aufrecht zu erhalten. Je größer die Organisation wird, desto bessere Strukturen in der Leitungseben muss sie haben, was alleine schon ein Umdenken in der Führung verursacht. Die Kommerzialisierung führt dazu, dass Mitarbeiter wegfallen, die früher ehrenamtlich tätig waren und durch Mitarbeiter ersetzt werden müssen, die bezahlt werden – Es ist ein großes Problem für viele Organisationen ohne die nötige Infrastruktur Geld zu aquirieren. Wenn Führungspersönlichkeiten, die vor allem die Mitglieder an die Organisation binden, wegfallen, sei es durch Rückzug oder Tod, dann gehen diese Menschen auch weg. Mit der Zeit werden so die Organisationen zu dem was sie immer gehasst haben – Ein Teil des Systems.
Ich glaube fest daran, dass der Wandel der salafitischen Gruppen weiter einsetzen wird, zumal sich die hauptsächlichen Protagonisten der Bewegungen, aufgrund des immer stärker werdenden Drucks aus der Öffentlichkeit, weiter zurückziehen. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass diese Organisationen zu solchen Organisationen werden, wie die, zu welchen sie eigentlich eine Alternative bilden wollten.
Der Prozess hat bereits begonnen. Das ist jedenfalls meine Meinung. Andere Meinungen werden gerne gehört.
29. Oktober 2011, Akif Sahin
Kategorie(n): Religion
Tags: allah, dschihad, gebote, interpretation, kampf, muslime, relgiöse, salafiten, wandel

Kennt sich aus mit den Themen Internet, Islam, Medien und Politik. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. Ist seit Jahren in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.




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