Die innere Zerrissenheit…
Nachdem Erdbeben von Van haben wir in der Türkei wie auch weltweit eine unglaublich große Solidaritätsbewegung gesehen. Während die Menschen in der Türkei sich von dem Thema des Terrors quasi abwanden und sich nur noch um die Menschen in Van kümmerten, ließen es sich selbst die Japaner nicht nehmen den Türken, die ihnen nach dem [...]
Nachdem Erdbeben von Van haben wir in der Türkei wie auch weltweit eine unglaublich große Solidaritätsbewegung gesehen. Während die Menschen in der Türkei sich von dem Thema des Terrors quasi abwanden und sich nur noch um die Menschen in Van kümmerten, ließen es sich selbst die Japaner nicht nehmen den Türken, die ihnen nach dem Erdbeben geholfen haben zu helfen. Die Solidarität ist groß, aber es gibt auch Schattenseiten, die so kaum thematisiert werden. Es geht dabei vor allem um ein Relikt aus vergangenen Zeiten – das Kurdenproblem.
Nachdem Erdbeben hat der Iran seine Grenzposten nahe der türkischen Grenze verstärkt. Diese Verstärkung war kein Affront gegen die Türkische Republik, sondern im Gegenteil, ein Zeichen der Unterstützung. Iranische Sprecher äußerten sich zu diesem Thema dementsprechend eindeutig. Die Kräfte an der Grenze zur Türkei wurden verstärkt, damit die Türkische Regierung sich um die Opfer des Erdbebens kümmern kann und sich nicht mit Terroristen herumquälen muss, die aus der iranischen Region in die Türkei einwandern.
Erst kürzlich waren Terroristen in die Türkei marschiert und haben zahlreiche Soldaten getötet. Es stand bereits von Anfang an fest, dass es sich um Mitglieder der verbotenen Terror-Organisation PKK handelte. Die Türkei reagierte mit einer Militäroperation, die zum Teil sogar noch andauert.
Die türkischen Jugendlichen in meiner Timeline auf Facebook zeigten ihr wahres Gesicht in dem sie Slogans in die Massen brachten wie: “Wir wollen keine Militäroperation, sondern ein Massaker!” – Es war zum Teil eine Anspielung auf das Massaker von Dersim, wo nach Schätzungen mehr als 60.000 – 75.000 Menschen ihr Leben ließen. Das “Massaker” sollte nach dem Willen dieser Jugendlichen nicht mehr nur auf die Terroristen abzielen, sondern allgemein auf alle Kurden.
In Zeiten der letzten Jahre, wo es eine demokratische Öffnung und zahlreiche Reformen in der Türkei gegeben hat, die den Kurden existenzielle und universale Rechte endlich zugestanden hat, waren solche Kommentare ein Rückschritt… Auch beängstigte mich, dass die Menschen in Deutschland auf die Straßen gingen um gegen den Terror zu protestieren. Organisatoren waren dann zumeist anti-Regierungsgruppen wie die “Atatürkcü Düsünce Dernegi” die oftmals mit Protesten gegen Erdogan in Erscheinung getreten sind und ultranationalistische Gruppen wie die “Grauen Wölfe” (Bozkurt).
Die Aufrührung innerhalb der Bevölkerung ist meistens sogar verständlich gewesen. In einem Gespräch mit einer entfernt Verwandten Dame hörte ich die Abscheu gegenüber Kurden heraus. Sie warf der Bevölkerung im Osten der Republik vor blind für die Investitionen und die guten Taten zu sein und es mit Terror zurückzudanken.
Die Terror-Organisation PKK gibt immer vor die einzig legitime Vertretung der Kurden zu sein. Das Problem ist, dass nicht nur einige Kurden, sondern viele Türken dieses Ammenmärchen glauben. Die Lüge wird angenommen und spaltet insgesamt die gesamte Region und Bevölkerung. Dabei ist die Türkei multiethnisch geprägt und die Geschichte hat gezeigt, dass sobald sämtliche Bevölkerungsgruppen zusammenarbeiten und zusammenstehen, dass es dann keinen Feind und keine Gefahr gibt, die diese Nation gemeinsam angehen könnte.
Ein Freund umschrieb es einst mit den Worten: “Kürtler ve Türkler ne zaman birlik ve beraberlik göstermis, iste o zaman Cihan Devleti yükselmistir.” – Auf gut Deutsch “Wann immer Kurden und Türken Einigkeit und Zusammenarbeit gelebt haben, so war der große Staat am Aufbruch.”
Und tatsächlich, diese Einigkeit und Zusammenarbeit konnte man und kann man derzeit in Van sehen. Seit dem Erdbeben hat sich das Thema für die Türkei gewandelt. Während der Terror im Vordergrund stand, geht es jetzt um die Rettung der Menschen und um ihre persönlichen Geschichten.
Die Versuche von linkstextremen wie rechtsextremen Gruppen in der Türkei die Gesellschaft zu spalten, werden jetzt stärker angesprochen. Während die Gesellschaft sich sensibel zeigt und der Fall von Van eigentlich direkt darauf hindeutet, dass sich eine Veränderung eingestellt hat, gibt es weiterhin keinen Grund wirklich anzunehmen, dass die Zerrissenheit vorbei ist.
Denn während viele Menschen sich für die Opfer einsetzen, gibt es leider weiterhin Stimmen unter uns, die versuchen den Spalt zwischen den Bevölkerungsgruppen in der Türkei zu vergrößern.
Das es leider auch Menschen gibt, die darauf anspringen, ist traurig… Wir müssen daran noch gemeinsam arbeiten…
Denn eines scheint vielen noch nicht ganz bewusst zu sein. Die Terror-Organisation agiert eben nicht im Namen der Kurden, sie agiert als eine Art verlängerter Arm von bestimmten Mächten in der Region, die der Türkei schaden wollen und die Entwicklungen im Land stoppen möchten. Schauen wir uns z.B. den Zeitpunkt der Anschläge an, so wird schnell klar, dass mit dem letzten Anschlag die Arbeiten an einer neuen zivilen Verfassung in der Republik torpediert werden sollten.
27. Oktober 2011, Akif Sahin
Kategorie(n): Gedanken, Politik
Tags: gesellschaft, gruppen, iran, kurden, linksextrem, pkk, rechtsextrem, terror, türken, van

Kennt sich aus mit den Themen Internet, Islam, Medien und Politik. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. Ist seit Jahren in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.




Super Artikel!
Was die Posts auf Facebook angeht, so war der traurigste, den ich gelesen hatte, von einer Mutter, die Mitte 20 ist und schreibt, dass sie ihren gerade mal 2-3 Jahre alten Sohn sofort zur Armee in die TR schicken würde, damit er kämpft. Ich glaube viele Menschen sind sich dessen, was sie da von sich geben, nicht bewusst.