Anfragen für Interviews
Bei mir häufen sich die Anfragen für Interviews und obwohl ich versuche die guten Anfragen zu beantworten und mir auch die nötige Zeit dafür zu nehmen, komme ich auch manchmal in Konflikt mit mir selbst. Zum Einen gibt es Dinge wo ich mich frage, ob ich mich wirklich so sehr in den Vordergrund spielen sollte, [...]
Bei mir häufen sich die Anfragen für Interviews und obwohl ich versuche die guten Anfragen zu beantworten und mir auch die nötige Zeit dafür zu nehmen, komme ich auch manchmal in Konflikt mit mir selbst. Zum Einen gibt es Dinge wo ich mich frage, ob ich mich wirklich so sehr in den Vordergrund spielen sollte, zum Anderen auch Dinge wo ich mich frage, ob man das überhaupt mitmachen sollte.
So wurde ich beispielsweise erst kürzlich von einem großen regionalen Radio-Sender angerufen und man bat mich erneut um ein Interview – diesmal passend zum Besuch des türkischen Präsidenten Abdullah Gül in Baden-Württemberg über die Türkei. Nun, ich bin kein Türkei-Experte, aber dank dem Internet und der persönlichen Erfahrung kann man einiges herausholen. Ich bat um eine Stunde Zeit und bereitete mich etwas vor.
Im Interview selbst ging es nur vordergründig erstmal um die Türkei. Es waren banale Fragen, bei denen ich im Anschluss dachte, was das bringen soll. Die interessante Frage stand aber gar nicht erst auf meinem Plan – nämlich die Situation der Christen als Minderheit in der Türkei. Eine solche Frage war nicht abgesprochen und der Reporter hatte sicherlich nicht mit meiner Antwort hierzu gerechnet – Die Frage kam unerwartet und völlig aus dem Nichts und nicht jeder kann auf solche Fragen eine Antwort liefern. Aber das ist ein grundsätzliches Problem der Kommunikation. Der Reporter hat mich auf eine solche Frage nicht vorbereitet und hätte auch nicht Ahnen können, dass ich gerade zu diesem Thema sehr viel beitragen konnte.
Er hat am Ende nicht das erhalten was er wollte, weil ich sehr wohl Kenntnisse, weit über dem was uns die Medien ständig erzählen, über die christliche Minderheit in der Türkei habe. So verwunderte es ihn schon sehr, als ich erklärte, dass die Geschichte der Christenheit eigentlich zu größten Teilen in der Türkei entstanden ist. Wer weiß denn schon, dass die Christen vor den Römern in die heutige Türkei flüchteten, sich in den Bergregionen von Kapadokien versteckt hielten und dass der religiöse Katechismus der Katholiken und der Orthodoxen auf die Konzile in Nicäa, dass heute Iznik heißt, zurückgehen?
Auch, dass es sehr wohl Kirchen in der Türkei gibt und trotz aller Bekundungen in den Medien ich selbst in meiner anatolischen Heimatstadt eine repräsentative Kirche habe. Dass der Kirchbau nicht verboten, sondern nur mindestens genauso erschwert ist wie der Moscheebau in Deutschland und dass es in der Türkei noch heute viele Häuser gibt in denen in Hinterhöfen Moscheen, Synagogen und Kirchen den selben Raum teilen?!
Das Religionsfreiheit in der Türkei für Christen eine ganz andere Rolle spielt als für Muslime in Deutschland ist ein weiteres Thema. Denn während hier der Islam weiterhin als eine Ausländer-Religion wahrgenommen wird, sind in der Türkei Christen weiterhin Türken. Sie sind Teil der Republik und Bürger des Landes – sie werden auch als solche wahrgenommen. Kann man das aber über die Muslime in Deutschland sagen?
Man versucht einen Konflikt herbeizureden, dabei ist es vielmehr so, dass die Lösung für die Probleme der Christen, die eben existieren, die aber seit Jahren schon angegangen werden und hoffentlich auch bald gelöst sind, nur in der Türkei durch die Türken (sowohl muslimische wie christliche) gelöst werden können. Eine Einmischung in diese Lösung durch Außenstehende verbittet sich meiner Meinung nach. Ein Christ in der Türkei will das auch gar nicht.
Das ist aber nur eine Form wie man in Interviews aufs Glatteis geführt werden kann. Eine unvorbereitet Frage kann einem durchaus zum Verhängnis werden. Genauso aber kann ein einfaches Interview auch eine Vernichtung sämtlicher Kompetenzen bedeuten.
So gibt es Zeitschriften und Zeitungen die bei mir ganz oben auf einer Blacklist stehen. Mit diesen Organen der Medienlandschaft möchte ich grundsätzlich nichts zu tun haben, weil mir ihre Berichterstattung einfach nicht seriös und schon gar nicht neutral erscheint. Trotzdem mache ich Ausnahmen, wenn ich weiß, dass der Journalist vor mir Jemand ist, der Einfluss nehmen kann. Anders sieht es aus, wenn z.B. ein freier Autor für ein bestimmtes Magazin anruft. Der Autor kennt das Magazin in dem Bereich gar nicht selbst.
Ich musste erst gestern einer sehr höflichen Dame nach einem Telefon-Gespräch absagen. Das tat mir auch unendlich leid, weil ich weiß, dass man als freier Autor um jeden Job kämpft und sich mit den fest angestellten Journalisten um die Arbeit streitet. Aber eine Zeitschrift mit der auch in meinem persönlichen Umfeld Leute Probleme hatten, kann ich nicht mit ruhigem Gewissen ein Interview geben.
Das hat vor allem den Hintergrund, dass man sich selbst den Ruf ruinieren kann.
Eine Bekannte von mir hatte eben jener besagten Zeitschrift zu einem “Islam-Sonderheft” erlaubt, dass man ein Foto von ihr schießt. Mal abgesehen davon, dass in tendenziöser Weise der Islam als eine Terror-Religion dargestellt wurde ist ihre Geschichte umso tragischer. Sie war gerade mit ihren Freundinnen dabei für das Jura-Staatsexamen zu lernen und entsprechend waren die Bücher aufgeschlagen. Sie wurden von einem Reporter samt Kameramann angesprochen. Das Bild wurde geschossen. Die Redaktion machte sich an die Nachbearbeitung des Materials und am Ende stand in der Zeitschrift unter diesem Bild: “Muslimische Fundamentalistinnen beim Quran-lesen.”
Gerade wenn eine Zeitschrift oder sonst ein Medium auch in der Vergangenheit mit ihrer tendenziösen Berichterstattung dazu beigetragen hat, dass das Bild des Islam in Deutschland falsch wiedergegeben wurde und allein schon die Aufmacher dazu geführt haben, dass man schon ein bisschen in Sorge geriet, sollte man solchen Werken nicht auch noch unnötig dabei helfen ihre falsche Methode fortzuführen.
Ein Interview sollte immer ausgewogen und vorher abgesprochen sein. Wichtig ist es vor allem auch zu Beweiszwecken falls man falsch wiedergegeben wird, das Interview aufzuzeichnen. Und längst lohnt sich nicht jedes Interview um das eigene Ego zu stärken.
Denn je höher man steigt, desto tiefer kann auch der Fall sein. Vor allem, wenn man plötzlich ohne etwas zu ahnen als der Buhmann dasteht…
27. September 2011, Akif Sahin
Kategorie(n): Alltag
Tags: anfragen, berichterstattung, christen, interview, journalisten, muslime, presse, religionsfreiheit, tendenziös, zeitungen

Kennt sich aus mit den Themen Internet, Islam, Medien und Politik. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. Ist seit Jahren in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.




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