Im Blickpunkt: Chat, Love and More?
Kann man im Internet chatten, die Liebe finden und vielleicht sogar den Partner fürs Leben? Und das alles islamisch? Ich erzähle heute die Geschichte von drei Damen, Kübra*, Aischa* und Rania*, die Einiges erlebt haben. Kübra “Ich habe mir eigentlich nichts dabei gedacht,” erzählt Kübra. “aber dann ist es nur noch ein großer nicht enden [...]
Kann man im Internet chatten, die Liebe finden und vielleicht sogar den Partner fürs Leben? Und das alles islamisch? Ich erzähle heute die Geschichte von drei Damen, Kübra*, Aischa* und Rania*, die Einiges erlebt haben.
Kübra
“Ich habe mir eigentlich nichts dabei gedacht,” erzählt Kübra. “aber dann ist es nur noch ein großer nicht enden wollender Alptraum gewesen.”
Kübra war gerade 17 als sie zum ersten Mal auf die eher lustig gemeinte Idee kam ein Profil von sich auf einer bekannten muslimischen Partnerbörse einzustellen. Sie hatte die Hauptschule abgeschlossen und besuchte die Realschule. Sie wollte eigentlich nicht wirklich heiraten, aber sich Jemanden von ihren Eltern vordiktieren zu lassen kam für sie auch nicht in Frage.
“Ich war jung. Meine ganzen Freundinnen hatten einen Freund und ich war die Einzige die noch keinen hatte.”
Sie fühlte sich einsam und dachte, dass sie vielleicht so Jemanden kennenlernen kann.
Die Plattform war eigentlich erst ab 18 Jahren erlaubt, aber es gab keine Prüfung der Daten. Sie legte trotzdem ein echtes Profil an. Sie gab ihre echte Haarfarbe, ihre Augenfarben, ihr Geburtsdatum und auch Details über das Rauchen an. Für sie war das alles einfach nur ein Spaß, aus dem vielleicht hätte mehr werden können… Sie stellte noch ein paar süße Bilder von sich ins Internet und wartete auf ihren Traumprinzen.
Wirklich Jemanden gefunden über die Plattform hat sie bis heute nicht. Das Profil wurde vor drei Jahren erstellt und vor zwei Jahren gelöscht, Niemand hat sich bei ihr gemeldet. Allerdings hat das Profil fast Kübra’s ganzes Leben zerstört.
“In der Moschee wurde über mich getuschelt. Die haben sehr viel über mich gelästert. Am Anfang hab ich das nicht ernst genommen, doch dann wurde meine Mutter von einer Frau aus der Gemeinde darauf angesprochen. Ich versprach ihr, das Profil zu löschen, was ich dann auch tat.”
Doch das änderte nichts an dem bereits in Gang gesetzten. In der Moschee wurde weiter getuschelt.
“Irgendwann hörte es auch mein Vater. Er war sehr aufgeregt, schrie mich an und konnte sich nur sehr schwer beherrschen. Er hat mir gedroht mich rauszuschmeißen, und meinte nur, ich hätte Schande über die Familie gebracht.”
Zu allem Überfluss hörte es auch der Bruder. Er wurde von Freunden auf das Profil seiner Schwester angesprochen. Es kam zu mehreren Auseinandersetzungen und Prügeleien.
“Er hat mich nicht geschlagen, war aber auch nicht wirklich böse auf mich. Er hat es nur nicht ertragen, dass seine Schwester wie eine Schlampe behandelt wurde. Er wollte meine Ehre verteidigen.”
Doch dann kam alles noch viel schlimmer.
“Die Fotos, die ich von mir erstellt hatte, wurden im Internet auf verschiedenen Plattformen weiterverteilt. Zum Teil mit Photoshop bearbeitet und hässliche und grausame Dinge hinzugefügt. Da stand dann zusätzlich noch mein Name mit bei. Es war die Hölle.”
Aus dem Vorfall ergab sich, dass Kübra, um nicht erkannt zu werden, das islamische Kopftuch ablegte. Weil die Gemeinde hinter ihrem Rücken weiterhin lästerte, verließ sie bald ihren Heimatort und versuchte sich ein neues Leben in einer großen Deutschen Stadt aufzubauen.
“Wenn ich heute die Zeit umdrehen könnte, ich würde es tun. Viele Mädchen gehen mit ihren Daten und ihren Bildern sehr sorglos um. Ich wünschte ich hätte das damals nicht gemacht, aber ich kann es nicht ungeschehen machen.”
Die Geschichte endete allerdings mit einem Happy-End. Während einer abendlichen Bahnfahrt, wurde Kübra von alkoholisierten Jugendlichen angesprochen und belästigt. Ein junger Mann kam ihr zur Rettung.
“Er war und ist mein Held.”
Kübra und der junge Mann von damals haben vor im nächsten Sommer zu heiraten. Verlobt sind sie schonmal.
Aischa
“Ich habe mehr gechattet, als gelernt. Ich war aber auch irgendwie süchtig danach.”
Wer Aischa anschaut, kann nicht erahnen und auch nicht verstehen, durch welche Hölle sie gegangen ist. Die junge Muslima, studierte Politikwissenschaften, sieht hübsch aus und hat sich in der muslimischen Community in Deutschland einen sehr großen Namen gemacht. Kaum eine Organisation kommt an ihr vorbei. Sie ist quasi überall vernetzt und übt einen gewaltigen Einfluss auf die Arbeit von Verbänden und Vereinen aus.
Ihr Wort hat Gewicht. Doch Aischa hat auch ein Geheimnis. Kaum Jemand weiß, dass sie bis vor ein paar Jahren noch verheiratet war.
“Es gibt immer diese Menschen die sagen, man habe sich auseinandergelebt. Sie können von Zeiten berichten, in denen wenigstens etwas schön war. Ich kann das nicht. Mein Ex-Mann und ich waren kein Paar, sondern ein Unding.”
Dabei begann alles sehr schön. Aischa chattete damals wild durch alle möglichen Chat-Seiten. Sie unterschied dabei nicht zwischen islamischen, türkischen oder arabischen Communities. Fast überall nutzte sie immer den selben Nicknamen. Sie achtete stets auf Diskretion. Sie wollte flirten und eigentlich nicht mehr.
“Es half sehr gegen die Einsamkeit. Ich meine, eigentlich sollte sich kein Muslim, keine Muslima einsam fühlen, aber ich habe mich einfach in den Nächten sehr einsam gefühlt.”
Das war ein Grund warum Aischa ständig neue Leute kennenlernte. Eines Tages lernte sie über eine bekannte Chat-Plattform einen interessanten Typen kennen.
“Er war sehr nett, sehr höflich. Er erzählte viel, war locker und kannte sich in unserer Religion sehr gut aus.”
Aus dem einfachen Flirt wurde mehr.
“Wir verabredeten uns quasi online zu Chats. Irgendwann wollte er mehr. Er wollte mich mal in echt kennenlernen. Ich eigentlich auch, ich war mir zunächst nicht ganz sicher, aber dann habe ich doch eingewilligt.”
Der spätere Ex-Mann kam aus dem Süden Deutschlands. Aischa war eher in der Mitte angesiedelt. Man traf sich in ihrer Stadt. Ein sehr elegant gekleideter, junger und gut gepflegter Mann tauchte auf.
“Man sagt immer, man soll auf die inneren Werte achten, das war mir ehrlich gesagt damals plötzlich egal. Er war so hübsch und machte optisch einen ganz guten Eindruck. Ich fand, wir sahen wie ein wunderschönes Pärchen aus.”
Aus einem Treffen, wurden zehn. Aischa und ihr Ex-Mann telefonierten fortan ständig, verabredeten sich zu Online-Chats und Video-Chats und kamen sich täglich ein weiteres Stück näher.
“Schließlich machte er mir einen Antrag. Ich willigte ein.”
Aber die Eltern von Aischa waren dagegen. Sie hatten nicht den Eindruck, dass der Ex-Mann ein guter Partner für sie wäre – aber wirklich Aischa was aus dem Kopf reden konnten sie auch nicht.
Die Hochzeit fand statt. Mit gerade einmal 100 persönlich ausgesuchten Gästen, eher eine sehr kleine Hochzeit für türkische Verhältnisse.
“Nach der Hochzeit änderte sich alles schlagartig. Ich habe wirklich versucht meine Ehe zu retten, aber wenn der Gegenüber keine Anstalten macht, sich für die Ehe aufzuopfern und so zu leben, wie es sich gehört, dann kann man irgendwann nur noch resignierend aufgeben.”
Der Ehemann war oft unterwegs, nahm sich kaum Zeit für Aischa. Irgendwann flog auf, dass er eine Affäre hatte. Aischa verzieh ihm – Ein Fehler wie sich herausstellen sollte. Er betrog sie in der Folge immer wieder.
Der Ex-Mann von Aischa hatte bereits vor der Ehe massiv Schulden angehäuft. Aischa beglich einen Teil der Rechnungen und wollte sich trennen, aber konnte nicht. Irgendwann stand auch mal der Zwangsvollstrecker vor der Tür.
“Ich wusste ehrlich gesagt nicht, wie ich das meinen Eltern erklären sollte. Ich wusste auch nicht, was ich meinen Freundinnen sagen sollte. Für alle waren wir das Traumpaar – Es war aber im Grunde nur eine einzige große Lüge.”
Als er eines Abends betrunken nach Hause kam und Aischa schlug, war endgültig Schluss. Sie zeigte ihn wegen Körperverletzung und Misshandlung an, kehrte zu ihren Eltern zurück, reichte die Scheidung ein und zog wenig später von ihrer Heimat weg.
“Ich wollte immer irgendwie von ihm weg, aber ich konnte einfach nicht. Es war eine große Abhängigkeit da und ich habe versucht mir alles schön zu reden.”
Den Computer nutzt Aischa heute nur noch um auf Facebook auf Veranstaltungen ihrer eigenen Organisation hinzuweisen. Der Chat ist deaktiviert. Und Lust auf einen Ehemann hat sie auch nicht mehr.
“Ich hätte auch bei der Masse an Arbeit keine Zeit für einen Mann. Ich bin aber auf jeden Fall nicht mehr einsam und schlafe die Nächte wieder ganz ruhig.”
Rania
Rania ist 28 Jahre alt. Vor zwei Jahren heiratete sie. Ihren Ehemann hatte sie eigentlich über StudiVZ kennengelernt.
Rania war keine Studentin, trotzdem meldete sie sich auf StudiVZ an, da ihre gesamten Freundinnen sich dort tummelten.
“Wir waren stark in Foren aktiv. Ich schrieb eigentlich nicht viel, aber einmal da ging es um das Kopftuch und ich wollte unbedingt mitdiskutieren und aufklären.”
In die Diskussion mischte sich auch der jetzige Ehemann ein. Beide hatten unterschiedliche Positionen beim Thema, was auch an der unterschiedlichen religiösen Ausrichtung lag. Sie war Muslimin, er protestantischer Christ.
“Er fragte mich dann später immer wieder über unsere Religion aus. Anfangs wollte ich gar nichts mit ihm zu tun haben, aber ich merkte, er interessierte sich wirklich für die Sichtweise von Muslimen. Also antwortete ich ihm.”
Es waren immer sehr lange und sehr intensive Gespräche über den Islam.
“Es gibt immer die Erzählung: Und irgendwann funkte es zwischen uns. So war es aber nicht. Der Kontakt brach ab. Ich hörte dann auch nichts mehr von ihm.”
Das änderte sich aber zwei Jahre später.
“Meine Freundinnen und ich waren in einem Lokalkreis einer Jugendorganisation für Deutsche Muslime (MJD) aktiv. Es gab ein großes Meeting, wo wir auch dran teilnahmen. Ich belegte einen Workshop vor Ort um mich weiter fortzubilden.”
Im Workshop mit dabei war auch ihre StudiVZ-Bekanntschaft. Sie erkannte ihn nicht sofort, zumal er sich auch optisch gewandelt hatte, aber wie es das Schicksal wollte, erkannte er sie und sie kamen kurz ins Gespräch.
“Er bedankte sich bei mir, weil er über mich und die Diskussionen damals zum Islam gefunden hat. Es erfüllte mich schon etwas mit stolz und vor allem Dankbarkeit. Ein Mensch war durch mich Muslim geworden.”
Auch hier kam man sich nicht näher. Der Kontakt wurde auch nicht gesucht – man achtete auf die religiösen wie moralischen Werte. Es hätte nicht gepasst.
Später griff das Schicksal erneut zu. Rania hatte eine Ausbildung als Hebamme begonnen und war kurz davor ihren Abschluss zu machen. Sie suchte zu der Zeit in ihrem Umfeld nach einem passenden Partner, doch leider waren alle in Frage kommenden Herren nicht unbedingt ihr Geschmack bzw. auf dem gleichen Niveau.
“Viele der Männer waren eher noch kindisch und zum Teil noch gar nicht richtig fest im Leben. Ich hatte aber schon Pläne und wollte einen passenden Partner haben.”
Die Mutter versuchte Rania mit ihren Landsleuten aus Ägypten zu verkuppeln, während der Vater sich komplett raushielt und der Auffassung war, dass Rania selbst wissen müsse mit wem sie heiraten möchte.
Das wusste sie aber nicht so genau… Und so kam es wie es kommen musste.
“Ich fand keinen passenden Partner. Schließlich wurde ich nach meiner Ausbildung in eine andere Klinik etwas weiter entfernt von unserem Ort versetzt. Das war sogar auch mein eigener Wunsch, weil die Klinik einen sehr guten Ruf hatte und ich auch mal Weg von Zuhause sein wollte. Meine Mutter lag mir halt mit den Männern aus Ägypten in den Ohren.”
Ihr Ehemann hatte an der selben Klinik eine Stelle als Assistenzarzt erhalten und war dabei seine Facharztweiterbildung durchzuführen. Wieder ein Zufall. Doch diesmal traf man sich – aufgrund der kleinen Klinik – immer wieder und kam öfter ins Gespräch.
“Einmal bat er mich darum mit mir einen Kaffee trinken zu gehen. Ich willigte ein und bekam neben dem Kaffe einen Antrag. Meine Mutter fiel als sie hörte, dass ich angenommen habe, aus allen Wolken, mein Vater freute sich und stärkte mir weiter den Rücken. Heute ist mein Mann ein ganz großer Teil unserer Familie.”
*Name und Ort durch die Redaktion geändert
25. September 2011, Akif Sahin
Kategorie(n): Internet, Religion, Social Networks
Tags: carousel, chat, ehe, heirat, liebe, moschee, muslima, muslime, partner, partnerbörse

Kennt sich aus mit den Themen Internet, Islam, Medien und Politik. Schießt für sein leben gerne Fotos und bearbeitet sie anschließend am Bildschirm. Ist seit Jahren in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv.




An der Geschichte von Kübra ist allerdings weder das Internet noch sie selbst, sondern die bei Muslimen nur allzu gängige Unsitte der üblen Nachrede schuld. Soweit ich weiß wird diese in unserer Religion mehr geächtet als in allen anderen, trotzdem scheint es mir, betreiben wir sie stärker als alle anderen. Mag Allah uns rechtleiten insalllah.
Ja natürlich, aber man muss schon kritisch hinterfragen ob man mit seinen eigenen Daten wirklich sehr sinnvoll umgeht… Ich kenne viele Seiten in denen sich Musliminnen und Frauen allgemein sehr offen präsentieren mit Details die man sonst eigentlich nicht unbedingt preisgeben würde… Selbst sexuelle Neigungen und etc. Da muss man dann natürlich fragen, ob es nicht ein Datenschutz-Thema ist und ob eine Idee sich über eine Partnerbörse die offen ihre Angaben der Öffentlichkeit präsentiert wirklich gut ist…
Wirklich interessant und auch gruselig ein wenig! Zur ersten Geschichte muss ich aber einiges sagen. Ich finde es richtig peinlich, dass so extrem hinter ihrem Rücken geredet wurde. Ich hasse es so dermaßen, dass Menschen 2 Seiten aus dem Qur-an lesen, 2 Stunden über andere reden und sich dann Muslime nennen. Ich weiss, dass ich nicht das Recht habe zu entscheiden wer Muslim ist und wer nicht, aber es ekelt mich wirklich an wenn Menschen so sind. Leider hält mich genau das fern von der Moschee.. Ich habe alle in meiner Stadt besucht, war sogar in einer Sekte(!), aber es wurde nie gelehrt – immer nur geredet über Andere. InshaAllah ändert sich das schnellstens, denn ich will nicht das meine Schwester der Moschee fern bleibt.
Trotzdem guter Artikel. Ich werde öfter vorbei schauen
Salam
Liebe Aylin, zunächst herzlichen Dank für dein Lob, ich gebe mir weiterhin Mühe mich von anderen Blogs (mit gleichem Themeninhalt) zu unterscheiden und etwas interessantes zu bieten. Schön das es dir gefällt. Zu dem Thema mit den Moscheen muss ich schon sagen, dass das unterschiedlich ausfällt. Es gibt durchaus Moscheen mit solchen Problemen, sodass Menschen nicht nur Lästereien sondern einem starken Mobbing und Gruppenzwang ausgesetzt sind. Ich finde es aber nicht richtig sich von einem Gebetshaus zu entfernen wegen solcher Menschen – Im Gegenteil, man muss erst recht die Moscheen besuchen und diese Menschen auf ihre Fehler hinweisen. Das eigene fernbleiben kann einem selbst sogar viel zu sehr zusetzen. Ich hoffe du hast die Hoffnung weiterhin nicht aufgegeben und suchst weiterhin nach einer passenden