Ein aktueller Fall aus der Praxis hat mir heute fast die Sprache verschlagen. Es ist so unglaublich und traurig zugleich…
Ich bekam heute erneut einen Anruf von Hassan H.* Der Industriemechaniker hatte mich vor knapp zwei Monaten angerufen um in einem Fall mit der Schule seines 14jährigen Sohnes zu vermitteln.
Der junge Mann wollte nicht an der geplanten Klassenreise teilnehmen. Der Vater und die Mutter des Kindes waren dafür, dass er teilnimmt. Doch der junge Mann wollte partout nicht. Am Geld mangelte es nicht. Die Eltern sind zudem integriert und es wäre nicht die erste Klassenreise auf die sie eines ihrer Kinder schickten. Auf der anderen Seite wollte man den Jungen auch zu nichts zwingen was er nicht möchte.
Doch dann kam die Wende. Die Lehrerin des Sohnes rief bei H. an und erklärte, dass der Sohn teilnehmen müsse, ansonsten werde man das Jugendamt einschalten. H. weiß aus den Zeitungen, dass Jugendämter die Pest sein können. Bevor er jedoch etwas falsches tut und der Lehrerin und der Schule gewaltig die Leviten liest, wollte er sich Rat einholen. Er rief mich an und bat um meine Hilfe und Vermittlung
Ich habe dann das Gespräch mit dem Schüler gesucht. Festzustellen war, dass er sich in seiner Klasse zwar wohl fühlt und gemeinhin beliebt ist, aber einfach keine Lust hat mitzufahren. Konkret hat ihm das Ziel, dass für die Klassenreise ausgesucht wurde, nicht gefallen. Natürlich finde ich das nicht gut, weil gerade Klassenreisen einen sozialisierenden Charakter haben und durchaus auch die Gemeinschaft und den Zusammenhalt in einer Klasse stärken können.
Wir suchten danach gemeinsam das Gespräch mit der Lehrerin, um eine Lösung zu finden. Der junge Mann wurde von uns allen quasi dazu gezwungen, zu seinem persönlichen Wohl, an der Klassenreise teilzunehmen.
Der Lehrerin machte ich aber auch klar, dass es nicht gerade nett ist, gleich mit dem Jugendamt zu drohen, wo das Problem weniger an der Erziehung und der Sozialisation der Familie liegt, als schlichtweg dem Desinteresse des Schülers. Eine gewisse Voreingenommenheit war zu erkennen, die ich dann auch der Lehrerin gegenüber offen angesprochen habe. Bei einer Deutschen Familie hätte sie sich wahrscheinlich eine solch plumpe Drohung nicht erlaubt. Ich machte auch klar, dass der Vater sehr wohl darauf bestehen kann, dass sein Sohn nicht an einer Klassenfahrt teilnimmt, auch wenn es ihr nicht passt.
Wir wollten vor allem verhindern, dass der Junge gezielt von den Lehrkräften ausgegrenzt und eventuell auch schikaniert wird. Gleichzeitig war mir aber auch nicht wohl dabei, wenn der Junge als Einziger nicht teilnimmt. Damit könnte er auch von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen werden.
Ich hörte dann knapp zwei Monate lang nichts mehr von beiden Seiten. Es schien sich alles gut gelöst zu haben.
Heute nun rief mich Hassan H. erneut an. Und was er mir erzählte hatte es in sich. Der Sohn fuhr zur Klassenreise und sollte dann am vergangenen Freitag von seinem Vater vom Schulgelände abgeholt werden. Doch als er sich auf den Weg zur Schule machte, erhielt er einen Anruf von einem fremden Mann. Dieser erklärte ihm, dass sein Sohn weinend an einer Autobahn-Raststätte, 90km vor Hamburg sei.
Drei Lehrkräfte und zwei Eltern, die als Aufsichtspersonen zur Klassenreise mitgefahren waren, hatten bei der letzten Raststätte den jungen Mann einfach vergessen. Sie fuhren mit der restlichen Klasse ohne ihn nach Hause. Der Verlust des Kindes wurde selbst dann nicht bemerkt, als man an der Schule angekommen war.
Der junge Mann war knapp drei Stunden alleine auf einer Autobahn-Raststätte und heulte sich die Seele aus dem Leib. Glücklicherweise waren die Mitarbeiter an der Raststätte aufmerksam. Weil die Schule zudem ein Handy-Verbot hatte, hatte der junge keine Möglichkeit seinen Vater selbst anzurufen.
Hassan H. erhielt, während er mit seinem Auto unterwegs war um seinen Sohn von der Raststätte abzuholen, einen Anruf von der Schule. Die Lehrkraft fragte ihn am Telefon ob er denn nicht vorhabe seinen Sohn endlich abzuholen. Der Vater reagierte erregt und zornig und machte seiner Wut am Telefon Luft.
Was sich wie Realsatire anhört ist an einer Schule in Hamburg passiert. Und das, nachdem der junge Mann nicht mit zur Klassenreise wollte und nachdem die Lehrkraft dem Vater mit dem Jugendamt gedroht hat.
Zwar hat sich bereits die Schulleitung eingeschaltet und sich persönlich beim Vater für das Geschehene entschuldigt, aber Hassan H. hat mittlerweile seinen Anwalt eingeschaltet und lässt eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegenüber den Aufsicht habenden Lehrkörpern prüfen.
Er plant zudem für die Zukunft seinen Sohn nach den Sommerferien auf eine andere Schule zu schicken, eine die auch den persönlichen Bedürfnissen des Schülers mehr Raum gibt – auch dann, wenn dieser nicht unbedingt an einer blöden Klassenreise teilnehmen möchte.
* Name geändert